Protokoll des Arbeitskreises

"Studienreform"


Würzburger Denkschrift

Während der Bundesfachtagung Chemie (BuFaTa) in Freiburg (29.5. -1.6. 1997) und in den darauffolgenden Wochen wurde dieses studentische Positionspapier erarbeitet, daß den Diskussionsstand der Studierenden zur aktuellen Studienreformsdiskussion, die durch die maßgeblich von Prof. Märkl beeinflußte "Würzburger Denkschrift" neu ins Rollen gebracht wurde, darstellt. Zunächst ist festzuhalten, daß die Studierenden nachdrücklich den Beginn einer Studienreformdiskusion auch von seiten der Hochschullehrer begrüßen. Dies ist ein nach unserer Meinung längst überfälliger Schritt, der schon vor Jahren hätte getätigt werden müssen. Mit Irritation wird von Seiten der Studierenden jedoch festgestellt, daß aus einer ursprünglichen Lethargie eine Dynamik entstanden ist, die inzwischen offensichtlich nur noch schwer zu beeinflußen ist.


Bestandsaufnahme

In den letzten Jahren sind in den chemischen Fachbereichen der Universitäten und Hochschulen kaum Refomprojekte initiiert worden. Die vorsichtigen Bestrebungen die von Teilen der GDCh Ende der 80iger/Anfang der 90iger Jahre angeregt wurden, sind - wenn überhaupt - nahezu diskussionslos umgesetzt worden. Dies führte in der Regel dazu, daß die Studierenden mit noch höheren SWS beansprucht wurden.
Ein weiteres in den letzten Jahren meist aus politischen Stammtischkalkül thematisiertes Problem ist das der langen Studienzeiten. Diese sind zum einen auf die z. T oben beschriebene Überfrachtung der Studienpläne zurückzuführen zum anderen aber auch darauf, daß sich immer mehr Studierende selbst finanzieren müssen und dies eindeutig zu Lasten des Studiums gehen muß.
Die BuFaTa hält jedoch an ihrer 1994 in Braunschweig festgehaltenen Meinung fest die Überschreitung der Regelstudienzeit als ein dringend zu lösendes Problem anzuerkennen (In diesem Zusammenhang weigern wir uns, ausgerechnet das Phänomen "Überschreitung der Regelstudienzeit" überhaupt als ein dringend zu lösendes, primäres gesellschaftliches Problem anzuerkennen. Braunschweig, im November 1994, Gedanken der Bundesfachtagung Chemie zur Studienreform).
Die zur Zeit gültigen Studienpläne sind durch hohe Wahlarmut und Phantasielosigkeit beim Zusammenstellen der Lehrinhalte charakterisiert.


"Würzburger Denkschrift"

Die in der "Würzburger Denkschrift" vorgeschlagenen Ansätze lassen sich relativ leicht zusammenfassen. Das Studium wird anders als bisher in ein sechssemestriges Basisstudium und ein viersemestriges Spezialisierungsstudium gegliedert, wobei das Basisstudium in ein viersemestrigen Grundstudium und ein zweisemestriges Hauptstudium unterteilt ist. Im Hauptstudium soll wie bisher im Grundstudium erlangtes Wissen vertieft werden. Das Spezialisierungsstudium soll breite Wahlmöglichkeiten bieten, die von Spezialveranstaltungen der Chemie bis zu Arbeitsrecht und Wissenschaftsjournalismus.

Stellungnahme

Von den Studierenden wird der Vorschlag der Neugliederung des Chemiestudiums mit Verwunderung zur Kenntnis genommen. Eine andere Gliederung des Studiums als bisher wird als nicht nötig angesehen, da die bisherigen Organisationsformen nicht als das Grundübel der nichtzufriedenstellenden Teile des Chemiestudiums angesehen werden. Der mögliche Abschluß nach sechs Semestern wird als entbehrlich angesehen. Die möglicherweise eingeschränkte Promotionsmöglichkeit wird als wenig hilfreich erachtet. Völlig ungeklärt bleibt, wie jetzige Studieninhalte auf sechs Semester komprimiert werden sollen, oder wie neue - an vielen Hochschulen noch nicht realisierte - Fächer in die Studienpläne eingebracht werden sollen. Welchen Stundenumfang diese Ordnung haben soll bleibt zu unklar. Allerdings ist zu vermuten, daß er deutlich über den noch als erträglich angesehenen 200 SWS liegt.


Vorschlag BuFaTa

Unser Vorschlag geht von einer Beibehaltung der bisherigen Struktur, die eine Unterteilung in Grund und Hauptstudium vorsieht aus. Hierbei soll das Grundstudium vier und das Hauptstudium in Anlehnung an die anderen naturwissenschaftlichen Studiengänge sechs Semester inklusive der sechsmonatigen Diplomarbeit betragen. Nach unseren Vorstellungen soll das Grundstudium von der Fächerkombination ähnlich strukturiert sein wie es bisher schon an den allermeisten Hochschulen der Fall ist. Dies geht von einer Grundbildung in Analytischer, Anorganischer, Organischer und Physikalischer Chemie aus.
Desweiteren sollen die üblichen für naturwissenschaftliche nötigen Grundlagen in Biologie, Mathematik und Physik vermittelt werden. Desweiteren ist es wünschenswert, schon im Grundstudium die Möglichkeit einzuräumen über die naturwissenschaftlich geprägte Wahrnehmungsfähigkeit hinausgehende Fächer zu belegen. Zu diesem Zweck muß ein wahlfreier Bereich geschaffen werden, der mindestens 15 besser 20% des Grundstudiumsumfang einnimmt. Im Hauptstudium soll dieser Anteil ähnlich dem Märklschen Modell noch deutlich erhöht werden. Hier lautet der Vorschlag der BuFaTa

Eine permanente ausführliche und gute Studienberatung ist bei einem derartigen Wahlangebot unerläßlich. Hier müssen an vielen Hochschulen Strukturen geschaffen werden, die es ermöglichen, eine exzellente Studienberatung durchzuführen.
Die bisherigen Veranstaltungsformen des gesamten Studiums werden als überholt angesehen. Dies zeigt sich vor allem in den Praktika, aber auch in der häufig schlechten Abstimmung zwischen Praktika, Seminaren und Vorlesungen.
Hier wäre es erfreulich, wenn sich die Methodik der Integrierten Veranstaltungen weiter durchsetzte. Dieses Veranstaltungskonzept geht von einer Mischung aus den drei bekannten Lehrveranstaltungsformen aus, wobei es möglich gemacht werden soll, theoretisch erlangtes Wissen mehr oder weniger sofort in praxi zu erproben.
Die schlimmsten und demotivierensten Veranstaltungen, die zur Zeit jedoch im Chemiestudium angeboten werden, sind die Praktika, die bei einem immens hohen Arbeitsaufwand, bei geringem Lerneffekt Einzelkämpfer produzieren. Diese Lehrveranstaltungen sollen durch Projektpraktika ersetzt werden, wie sie schon jetzt an fortschrittlichen, naturwissenschaftlichen Fachbereichen üblich sind.
Sinn dieser Praktika ist es, daß sich Studierende an einer weitgehend selbst gesuchten Aufgabe produzieren können. Mit dieser Praktikumsform kann die auch von der Industrie häufig geforderte Teamfähigkeit erlangt werden. Diese Veranstaltungsart ist besonders für das Grundstudium gut geeignet, aber auch für das Hauptstudium anwendbar, falls sich einzelne Fachbereiche scheuen sollten, ihre Studierenden direkt in die Arbeitsgruppen zu schicken und ihnen somit den direkten Einblick in die aktuelle Forschung zu bieten.
In Anbetracht dessen, daß nach bisherigen Erfahrungen Projektpraktika sehr arbeitsintensiv sind, sollten - solange es erforderlich erscheint - für weniger arbeitsfreudige Studierende die Möglichkeit eines konventionellen Praktikums beibehalten werden.