Die Anfänge der chemischen Industrie liegen in der industriellen Revolution zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Gerade in der Chemie ging mit den allgemeinen technischen und gesellschaftlichen Umwälzungen ein ungeheurer Zuwachs an wissenschaftlichen Erkenntnissen einher, und schon hier wurde deutlich, wie besonders eng auf diesem Gebiet wissenschaftliche Forschungsergebnisse und ihre kommerzielle Nutzung zusammenhängen.
Geradezu explosionsartig entwickelte sich in dieser Zeit die organische Chemie. 1856 entdeckte der englische Chemiker William Perkins die Anilinfarbe Mauvein, den ersten synthetischen Farbstoff. In England selbst, das zur Deckung seiner Rohstoffbedürfnisse auf ein riesiges Kolonialreich zurückgreifen konnte, hatte diese Entdeckung keine besondere Wirkung. In Deutschland wurde sie jedoch zur entscheidenden Grundlage der chemischen Industrie. Die Teerfarbenchemie eröffnete die Möglichkeit, den bei der Verkokung von Kohle (für die Stahlindustrie) als kostspieliges Abfallprodukt anfallenden Steinkohlenteer als Ausgangsbasis für immens wertvolle Produkte zu nutzen - bildlich gesprochen war die chemische Industrie in der Lage "aus Dreck Geld zu machen".[1] In einem regelrechten Fieber wurden Teerfarbenfabriken in großer Zahl gegründet. Dabei handelte es sich zumeist um Kleinstbetriebe, in denen der oder die Gründer allein oder mit nur einigen wenigen Arbeitern hauptsächlich ein einziges Produkt fabrizierten - häufig nur mit geliehenem Kapital. Es konnte daher nicht ausbleiben, daß den vielen Neugründungen bald eine große Zahl von Pleiten gegenüberstand.
Schon bald wurde deutlich, in welche Richtung sich die chemische Industrie weiterentwickeln würde. Der rasche Fortschritt der Forschung ließ ein Ausweichen in spezialisierte Produktpaletten nicht zu, stattdessen bauten die Fabriken, deren Inhaber das nötige Kapital besaßen, ihre Produktion sowohl horizontal (in der Angebotsbreite) als auch vertikal (durch Einbeziehung aller Schritte von den Grundchemikalien bis zu den Fertigprodukten) immer weiter aus. Sowohl die kleineren Teerfarbenbetriebe als auch Fabriken, die Grundchemikalien wie Soda oder Schwefelsäure herstellten, wurden allmählich von den expandierenden Großbetrieben geschluckt oder vom Markt verdrängt.
Das schnelle Voranschreiten der Forschung und die direkte kommerzielle Verwertbarkeit der wissenschaftlichen Erkenntnisse waren, wie bereits erwähnt, eine der wesentlichen Randbedingungen für die Entwicklung der deutschen chemischen Industrie. Dementsprechend gab es hier eine so enge Zusammenarbeit zwischen Hochschullehrern bzw. Universitäten und Industrie, wie es sonst in keinem anderen Bereich der Fall war. Diese Zusammenarbeit stieß jedoch bald an ihre Kapazitätsgrenzen, so daß die Industrie begann, eigene große Forschungslaboratorien aufzubauen. Die enormen Investitionskosten, die damit verbunden waren, beschleunigten natürlich noch den Konzentrationsprozeß.
Die folgende Tabelle [2] zeigt recht deutlich, wie schnell sich die großen Teerfarbenfabriken entwickelten und illustriert damit auch den oben beschriebenen Konzentrationsprozeß innerhalb der deutschen chemischen Industrie. Etwa gegen 1880 waren die Strukturen, aus denen später die I.G. Farben hervorgehen sollten, schon weitestgehend ausgebildet.
| Jahr | Anzahl der Mitarbeiter | Farbstoffproduktion | |
| BAYER | 1863 | 12 Arbeiter | 20 - 25 Pfund/Tag Fuchsin |
| 1867 | 50 Mann | 200 - 500 Pfund/Tag Fuchsin | |
| 1874 | allein 65 Mann in der Alizarinfabrik | 3000 kg/Tag Alizarin | |
| 1877 | 136 Arbeiter | 6000 kg/Tag Alizarin | |
| 1888 | rund 1000 Arbeiter | ||
| 1913 | 320 Chemiker 60 Ingenieure 8077 Arbeiter |
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| CASELLA | 1908 | 110 Chemiker und Techniker 2200 Arbeiter |
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| KALLE | 1904 | 62 Chemiker 75 kaufm. Angestellte |
Ein wesentliches Merkmal der deutschen Chemieindustrie war ihre Exportorientiertheit, verknüpft mit der Bestrebung, ein Monopol auf dem Weltmarkt zu erreichen. Bereits im Jahre 1877 erreichte der deutsche Anteil die Hälfte der Welterzeugung an Farbstoffen. In der Folgezeit bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurden praktisch alle wichtigen Farbstoffklassen von den deutschen Teerfarbenfabriken erfunden.[3] Mit der weiteren Expansion der chemischen Industrie setzte sich diese Tendenz fort. Die Produktpalette der großen Firmen umfaßte inzwischen nicht nur Farbstoffe sondern auch organische und anorganische Grundchemikalien, photographische Erzeugnisse und Pharmazeutika. Antipyrin und Phenacetin waren die ersten von den Farbwerken HOECHST und BAYER auf den Markt gebrachten Pharmazeutika, denen sich als weitere Marksteine der neuen Arbeitsrichtung Pyramidon, Aspirin, Veronal, Luminal, Salvarsan sowie das Hormonpräparat Suprarenin anschlossen.[4] Aus den kleinen Teerfarbenküchen waren innerhalb von 30 Jahren große, komplex strukturierte und enorm kapitalkräftige Betriebe geworden. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts beherrschten sechs Firmen sowohl den deutschen als auch den Weltmarkt bei Herstellung (1913 mit einem Anteil von 90%) und Verkauf von synthetischen Farbstoffen - drei sehr große Unternehmen dicht gefolgt von drei kleineren:
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BASF BAYER HOECHST |
Badische Anilin- und Sodafabrik, Ludwigshafen Farbwerke, vorm. Friedrich Bayer & Co., Leverkusen Farbwerke, vorm. Meister Lucius und Brüning, Hoechst |
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AGFA CASSELLA KALLE |
Aktiengesellschaft für Anilinfabrikate, Berlin Leopold Cassella & Co., Frankfurt Kalle & Co., Biebrich |
[1] Borkin, Joseph: Die unheilige Allianz der I.G. Farben; eine Interessengemeinschaft im Dritten Reich – Campus Verlag: Frankfurt/Main, New York 1979, 1990 (Bd. 1030); S. 10.
[2] basierend auf BAYER-Berichte, 1963, Heft 5, S. 84f.
[3] ter Meer, Fritz: Die I.G. Farbenindustrie Aktiengesellschaft; ihre Entstehung, Entwicklung und Bedeutung – Econ-Verlag, Düsseldorf, 2. Auflage 1953; S.10.
[4] ter Meer, Fritz: Die I.G. Farbenindustrie Aktiengesellschaft; ihre Entstehung, Entwicklung und Bedeutung – Econ-Verlag, Düsseldorf, 2. Auflage 1953; S.11.