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1 Die Vorgeschichte der I.G. Farben bis zur Gründung des Konzerns 1925

1.1 Von den Anfängen bis zu weltmarkbeherrschenden Großunternehmen

1.1.1 Allgemeine Entwicklung

Die Anfänge der chemischen Industrie liegen in der industriellen Revolution zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Gerade in der Chemie ging mit den allgemeinen technischen und gesellschaft­lichen Umwälzungen ein ungeheurer Zuwachs an wissenschaftlichen Erkenntnissen einher, und schon hier wurde deutlich, wie besonders eng auf diesem Gebiet wissenschaftliche Forschungs­ergebnisse und ihre kommerzielle Nutzung zusammenhängen.
Geradezu explosionsartig entwickelte sich in dieser Zeit die organische Chemie. 1856 ent­deckte der englische Chemiker William Perkins die Anilinfarbe Mauvein, den ersten syn­thetischen Farbstoff. In England selbst, das zur Deckung seiner Rohstoffbedürfnisse auf ein riesiges Kolonialreich zurückgreifen konnte, hatte diese Entdeckung keine besondere Wirkung. In Deutschland wurde sie jedoch zur entscheidenden Grundlage der chemischen Industrie. Die Teerfarbenchemie eröffnete die Möglichkeit, den bei der Verkokung von Kohle (für die Stahl­industrie) als kostspieliges Abfallprodukt anfallenden Steinkohlenteer als Ausgangsbasis für immens wertvolle Produkte zu nutzen - bildlich gesprochen war die chemische Industrie in der Lage "aus Dreck Geld zu machen".[1] In einem regelrechten Fieber wurden Teerfarbenfabriken in großer Zahl gegründet. Dabei handelte es sich zumeist um Kleinstbetriebe, in denen der oder die Gründer allein oder mit nur einigen wenigen Arbeitern hauptsächlich ein einziges Produkt fabrizierten - häufig nur mit geliehenem Kapital. Es konnte daher nicht ausbleiben, daß den vielen Neugründungen bald eine große Zahl von Pleiten gegenüberstand.

1.1.2 Wachstum der chemischen Industrie

Schon bald wurde deutlich, in welche Richtung sich die chemische Industrie weiterentwickeln würde. Der rasche Fortschritt der Forschung ließ ein Ausweichen in spezialisierte Produkt­paletten nicht zu, stattdessen bauten die Fabriken, deren Inhaber das nötige Kapital besaßen, ihre Produktion sowohl horizontal (in der Angebotsbreite) als auch vertikal (durch Ein­beziehung aller Schritte von den Grundchemikalien bis zu den Fertigprodukten) immer weiter aus. Sowohl die kleineren Teerfarbenbetriebe als auch Fabriken, die Grundchemikalien wie Soda oder Schwefelsäure herstellten, wurden allmählich von den expandierenden Groß­betrieben geschluckt oder vom Markt verdrängt.
Das schnelle Voranschreiten der Forschung und die direkte kommerzielle Verwertbarkeit der wissenschaftlichen Erkenntnisse waren, wie bereits erwähnt, eine der wesentlichen Rand­bedingungen für die Entwicklung der deutschen chemischen Industrie. Dementsprechend gab es hier eine so enge Zusammenarbeit zwischen Hochschullehrern bzw. Universitäten und Industrie, wie es sonst in keinem anderen Bereich der Fall war. Diese Zusammenarbeit stieß jedoch bald an ihre Kapazitätsgrenzen, so daß die Industrie begann, eigene große Forschungs­laboratorien aufzubauen. Die enormen Investitionskosten, die damit verbunden waren, be­schleunigten natürlich noch den Konzentrationsprozeß.
Die folgende Tabelle [2] zeigt recht deutlich, wie schnell sich die großen Teerfarbenfabriken entwickelten und illustriert damit auch den oben beschriebenen Konzentrationsprozeß inner­halb der deutschen chemischen Industrie. Etwa gegen 1880 waren die Strukturen, aus denen später die I.G. Farben hervorgehen sollten, schon weitestgehend ausgebildet.

Jahr Anzahl der Mitarbeiter Farbstoffproduktion
BAYER 1863 12 Arbeiter 20 - 25 Pfund/Tag Fuchsin
1867 50 Mann 200 - 500 Pfund/Tag Fuchsin
1874 allein 65 Mann in der Alizarinfabrik 3000 kg/Tag Alizarin
1877 136 Arbeiter 6000 kg/Tag Alizarin
1888 rund 1000 Arbeiter
1913 320 Chemiker
60 Ingenieure
8077 Arbeiter
CASELLA 1908 110 Chemiker und Techniker
2200 Arbeiter
KALLE 1904 62 Chemiker
75 kaufm. Angestellte

1.1.3 Stellung und Bedeutung der deutschen chemischen Industrie

Ein wesentliches Merkmal der deutschen Chemieindustrie war ihre Exportorientiertheit, ver­knüpft mit der Bestrebung, ein Monopol auf dem Weltmarkt zu erreichen. Bereits im Jahre 1877 erreichte der deutsche Anteil die Hälfte der Welterzeugung an Farbstoffen. In der Folge­zeit bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurden praktisch alle wichtigen Farbstoffklassen von den deutschen Teerfarbenfabriken erfunden.[3] Mit der weiteren Expansion der chemischen Industrie setzte sich diese Tendenz fort. Die Produktpalette der großen Firmen umfaßte in­zwischen nicht nur Farbstoffe sondern auch organische und anorganische Grundchemikalien, photographische Erzeugnisse und Pharmazeutika. Antipyrin und Phenacetin waren die ersten von den Farbwerken HOECHST und BAYER auf den Markt gebrachten Pharmazeutika, denen sich als weitere Marksteine der neuen Arbeitsrichtung Pyramidon, Aspirin, Veronal, Luminal, Salvarsan sowie das Hormonpräparat Suprarenin anschlossen.[4] Aus den kleinen Teerfarbenküchen waren innerhalb von 30 Jahren große, komplex strukturierte und enorm kapitalkräftige Betriebe geworden. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts beherrschten sechs Firmen sowohl den deutschen als auch den Weltmarkt bei Herstellung (1913 mit einem Anteil von 90%) und Verkauf von synthetischen Farbstoffen - drei sehr große Unternehmen dicht gefolgt von drei kleineren:

BASF
BAYER
HOECHST
Badische Anilin- und Sodafabrik, Ludwigshafen
Farbwerke, vorm. Friedrich Bayer & Co., Leverkusen
Farbwerke, vorm. Meister Lucius und Brüning, Hoechst
AGFA
CASSELLA
KALLE
Aktiengesellschaft für Anilinfabrikate, Berlin
Leopold Cassella & Co., Frankfurt
Kalle & Co., Biebrich
Das Deutsche Reich, ein bis auf seine Steinkohlevorkommen rohstoffarmes Land, war für seine Großmachtbestrebungen in höchstem Maße auf die chemische Industrie angewiesen. Sie er­möglichte es dem Reich, seine Abhängigkeit von ausländischen Rohstofflieferungen zu ver­ringern und darüberhinaus die Rohstoffgrundlage seiner Konkurrenten (vor allem England) mit den eigenen Waren zu verändern. Die 1897 nach großem Forschungs- und Entwicklungs­aufwand bei der BASF gelungene Indigosynthese brachte den von englischem Kapital ge­tragenen Indigoanbau in Indien in wenigen Jahren zum Erliegen und war wohl der Höhepunkt dieser Entwicklung. (Hier profitierte noch der Staat von der Eigendynamik des aufstrebenden deutschen Kapitalismus - später sollte sich dieses Verhältnis umdrehen und die chemische Industrie gigantische Gewinne aus Großprojekten erzielen, mit denen dem Kaiserreich die Fortführung des I. Weltkriegs überhaupt erst ermöglicht wurde.)


[1] Borkin, Joseph: Die unheilige Allianz der I.G. Farben; eine Interessengemeinschaft im Dritten Reich – Campus Verlag: Frankfurt/Main, New York 1979, 1990 (Bd. 1030); S. 10.
[2] basierend auf BAYER-Berichte, 1963, Heft 5, S. 84f.
[3] ter Meer, Fritz: Die I.G. Farbenindustrie Aktiengesellschaft; ihre Entstehung, Entwicklung und Bedeutung – Econ-Verlag, Düsseldorf, 2. Auflage 1953; S.10.
[4] ter Meer, Fritz: Die I.G. Farbenindustrie Aktiengesellschaft; ihre Entstehung, Entwicklung und Bedeutung – Econ-Verlag, Düsseldorf, 2. Auflage 1953; S.11.

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