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1 Die Vorgeschichte der I.G. Farben bis zur Gründung des Konzerns 1925
1.2 Die Denkschrift von Duisberg und erste Zusammenschlüsse
1.2.1 Strukturbedingte Schwierigkeiten und Duisbergs Denkschrift zur "Vereinigung der deutschen Teerfarbenfabriken"
Das wesentliche Problem, dem die deutsche chemische Industrie Ende des 19. Jahrhunderts gegenüberstand, lag in ihrem eigenen Erfolg begründet. Nicht nur auf dem Farbensektor sondern auch im Bereich der photographischen Erzeugnisse und Pharmazeutika war die deutsche Chemie inzwischen weltmarktbeherrschend. Diese Monopolstellung trieb die Hersteller zu erbitterten Kämpfen um größere Anteile an den lukrativen in- und ausländischen Märkten. Preisbruch, Verschleppung von Patentverfahren, Begünstigung und Bestechung - kurz: alle bekannten Formen unlauteren Wettbewerbs - waren an der Tagesordnung. Ertragsverluste und verlangsamtes Wachstum waren die Folgen und die Spitzen der Industrie begannen nach Abhilfe zu suchen.
Carl Duisberg
(
Köhler, Otto:
... und heute die ganze Welt; Die Geschichte der I.G. Farben und ihrer Väter Rasch und Röhrig Verlag, Hamburg, Zürich 1986; ISBN 3-89438-010-1, S. 170.)
Carl Duisberg, Generaldirektor bei BAYER und eine der dominierenden Persönlichkeiten der Farbenindustrie, blieb es vorbehalten, den ersten Schritt in Richtung einer Lösung zu unternehmen.
[5] Duisberg (geb. 1861) war in vielerlei Hinsicht prädestiniert für diese Rolle. Er gehörte zu der Generation von Chemikern, die nach dem Rückzug der "Gründergeneration" die Führung der chemischen Industrie übernahmen. Sowohl als Chemiker wie auch als Geschäftsmann hatte er sich Anerkennung erworben, ebenso durch seine Denkschrift von 1895 zu Aufbau und Organisation eines chemischen Betriebes. Duisbergs Persönlichkeit war geprägt von patriarchaler Herrschsucht einerseits, andererseits aber auch von instinktsicherer Anpassungsfähigkeit. Vor allem aber war er ein überzeugter Nationalist, der zutiefst von Deutschlands Mission in der Welt überzeugt war. Sowohl in der Politik als auch im Geschäftsleben huldigte er dem "Führerprinzip" und gebrauchte diesen Ausdruck, lange bevor man von Hitler je gehört hatte. Gleichzeitig war er aber auch ein einzigartiger Opportunist, der sich bei der Durchführung seiner Projekte nie von Prinzipien abhängig machte. Er vollzog im Kaiserreich, in der Weimarer Republik und unter den Nazis immer die jeweils erforderliche Anpassung - und der Erfolg blieb ihm treu.
[6]
Im Jahre 1903 unternahm Duisberg eine Reise in die USA. Dort sah er, wie erfolgreich die riesigen amerikanischen Konzernzusammenschlüsse (vor allem der Rockefeller-Konzern Standard Oil) trotz des "Sherman-Antitrust-Gesetzes" von 1890 agieren konnten. Aus dieser Beobachtung heraus schien ihm eine derartige Form der wirtschaftlichen Konzentration "
der richtige Weg zur Beseitigung des gegenwärtigen ruinösen Konkurrenzkampfes der deutschen Teerfarbenfabriken". In seiner Denkschrift von 1904 stellte er die Frage, "
ob die Verhältnisse in der chemischen Industrie Deutschlands und speziell in der Farbenindustrie nicht auch derartige sind, daß eine Vereinigung der verschiedenen Farbenfabriken nicht nur zweckmäßig ist, sondern auch im Lauf der Zeit erfolgen muß". Auf der Suche "
nach einem Weg, um die Schäden der Konkurrenz zu beseitigen ohne ihre Vorteile (zu) verlieren", stellte Duisberg fest, "
es kann nicht ausbleiben, daß in einer solchen mächtigen Kapitalgesellschaft ein kleiner Staat im Staate entsteht, den die Gesetzgeber hassen, weil er sich nicht leicht unterordnen läßt, und den das Publikum fürchtet, weil die Preise eventuell gesteigert, der Nutzen vergrößert und damit der Neid und die Mißgunst aller nicht beteiligten und nicht interessierten Menschen hervorgerufen werden (...). Das allerschlimmste aber, was einer solchen großen, die Konkurrenz beseitigenden Vereinigung passieren kann, ist das Großziehen neuer Konkurrenten, die zu oft nur zum Scheine errichtet werden, um sich dann später durch Auszahlung großer Abfindungssummen aufkaufen zu lassen."
[7]
1.2.2 Ausbildung von Bündnissen
Angesichts des sich immer weiter verschärfenden Konkurrenzkampfes neigten die übrigen Vertreter der "großen Sechs" dieser Idee, die von Duisberg beinahe fanatisch verfolgt wurde, zwar gleichfalls zu, sie waren aber nicht bereit, ihre Eigenständigkeit an einen Konzern nach dem Muster der Standard Oil abzugeben. Stattdessen gründeten zunächst BAYER, die BASF und AGFA eine Interessengemeinschaft, wie sie in dieser lockeren Form auch schon in anderen Industriezweigen bestand. Kurz danach bildete HOECHST mit CASSELLA bei gegenseitiger Kapitalverflechtung einen "Zweibund", der 1907 mit KALLE zu einem Dreierverband erweitert wurde.
BAYER 1863 |
BASF 1865 |
AGFA 1867/73 |
Dreibund 1904 |
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HOECHST 1863 |
CASSELLA 1798/1870 |
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Zweibund 1904 |
KALLE 1863 |
Dreierverband 1907 |
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Das Jahr 1904 brachte so eine wichtige Veränderung für die deutsche Chemie. Die größten Unternehmen hatten sich zu zwei Blöcken formiert, die durch eine im Herbst 1904 zwischen BASF und HOECHST abgeschlossene Indigo-Konvention in loser Beziehung standen. Die Konkurrenz nahm in der folgenden Prosperität geregeltere Formen an, womit der rapide Preisverfall früherer Jahre zugunsten einer langsameren Preissenkung verschwand. Auch hatten sich so die Voraussetzungen wesentlich verbessert, die einmal errungene Vormachtstellung im nationalen wie internationalen Bereich zu behaupten.
[8] Der organisatorische Konzentrationsschritt ermöglichte den einzelnen Unternehmen die Inangriffnahme und Durchführung großer Projekte, die sie allein schwerlich hätten lösen können. Zu dieser Zeit begannen die Farbenfabriken BAYER mit den Arbeiten über die Kautschuksynthese, die ihre wahre wirtschaftliche Bedeutung erst Jahre später, im Zuge der Autarkie-Politik des NS-Regimes erhielt.
[9] Hauptexponent einer an Großprojekten orientierten Unternehmenspolitik war jedoch eine andere Firma - die BASF. Schon die 1897 gelungene Indigosynthese war ein solches Projekt gewesen, es hatte enorme Investitionskosten verschlungen, sich aber nach geglücktem Abschluß als ungeheuer profitabel erwiesen. Nun konnte sich die BASF an eine noch größere Aufgabe heranwagen, nämlich die Gewinnung von Stickstoff aus der Luft.
1.2.3 Die Entwicklung des Haber-Bosch-Verfahrens
Zum Ende des 19. Jahrhunderts häuften sich die Stimmen prominenter Wissenschaftler, die vor einer Welternährungskrise warnten. Der englische Chemiker Sir William Crookes befürchtete sogar, daß die chilenischen Salpetervorräte bald erschöpft sein würden, womit "die große kaukasische Rasse aufhören (würde) , die erste der Welt zu sein, und (...) durch Rassen, für die das Weizenbrot nicht lebensnotwendig ist, aus dem Dasein verdrängt (würde)."[10] Auch wenn sich die Befürchtungen hinsichtlich der natürlichen Reserven als unbegründet erweisen sollten, versprach doch eine Brechung des chilenischen Monopols einen großen geschäftlichen Erfolg. Grund genug für die BASF, nicht nur eigene Wissenschaftler und Techniker an diesem Projekt arbeiten zu lassen, sondern auch großzügige Forschungsstipendien an unabhängige Wissenschaftler zu vergeben. Einem von diesen, dem Physikochemiker Fritz Haber, gelang erstmals 1909 die erfolgversprechende Laboratoriumssynthese von Ammoniak aus den Elementen Wasserstoff und Luftstickstoff. Die Umsetzung dieses Laborverfahrens zu einem industriellen Prozeß wurde bei der BASF dem damals 34jährigen Carl Bosch übertragen. Nach vier Jahren, im Herbst 1913, konnte dann in der neuen Großanlage in Oppau mit der Massenproduktion von Ammoniak nach dem Haber-Bosch-Verfahren begonnen werden. Für die BASF schienen sich die Investitionen gelohnt zu haben, und Bosch wurde zu einem der Stars in der Unternehmenshierarchie. Er wurde in den Verwaltungsrat gewählt - mit den deutlichen Merkmalen des späteren Firmenchefs.[11] Wie gut die Investitionen angelegt waren - schließlich lassen sich aus Ammoniak nicht nur Düngemittel sondern auch Sprengstoffe herstellen - sollte sich keine zwei Jahre später zeigen...
[5] Borkin, Joseph: Die unheilige Allianz der I.G. Farben; eine Interessengemeinschaft im Dritten Reich – Campus Verlag: Frankfurt/Main, New York 1979, 1990 (Bd. 1030); S. 10.
[6] Borkin, Joseph: Die unheilige Allianz der I.G. Farben; eine Interessengemeinschaft im Dritten Reich – Campus Verlag: Frankfurt/Main, New York 1979, 1990 (Bd. 1030); S. 11. — Zur Person Duisbergs vgl. auch Köhler, Otto: ... und heute die ganze Welt; Die Geschichte der I.G. Farben und ihrer Väter – Rasch und Röhrig Verlag, Hamburg, Zürich 1986; ISBN 3-89438-010-1, Kap. 4, 5.
[7] Schneckenburger, Arthur: Die Geschichte des I.G. Farben-Konzerns; Bedeutung und Rolle eines Großunternehmens – Pahl-Rugenstein, Köln 1988; ISBN 3-7609-5242-9, S.18f.
[8] Tammen, Helmuth: Die I.G. Farbenindustrie Aktiengesellschaft (1925-1933); ein Chemiekonzern in der Weimarer Republik – Helmuth Tammen, Berlin 1978; S.11.
[9] Schneckenburger, Arthur: Die Geschichte des I.G. Farben-Konzerns; Bedeutung und Rolle eines Großunternehmens – Pahl-Rugenstein, Köln 1988; ISBN 3-7609-5242-9; S.19.
[10]