[⇐ zurück] [vor ⇒]

1 Die Vorgeschichte der I.G. Farben bis zur Gründung des Konzerns 1925

1.3 Schießpulver und Giftgase - die Chemie im Ersten Weltkrieg

1.3.1 Das Scheitern des Schlieffen-Planes und seine Folgen

Vier Wochen, von seinem Beginn bis etwa Ende August 1914, verlief der I. Weltkrieg für den deutschen Generalstab genau nach dem Plan, der vom 1913 gestorbenen Generalfeldmarschall von Schlieffen entworfen worden war. Unter Verletzung der belgischen Neutralität waren deutsche Armeen von Norden her nach Frankreich eingefallen, und gleichzeitig erfolgte ein zweiter Angriff im Südosten. Der Sieg über Frankreich schien nur noch eine Frage der Zeit, und auf Drängen von Banken und Industrie erstellte Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg bereits die Pläne für eine Neugliederung des europäischen Kontinents zugunsten des deutschen Reiches. Als dann jedoch die angreifenden deutschen Armeen zu schnell voranpreschten, nutzten die Franzosen ihre letzte Chance, stießen in die sich auftuende Lücke und erzwangen so die erste große Stellungsschlacht an der Marne. Damit war der Plan der deutschen Armeeführung gescheitert, und der I. Weltkrieg wurde zum Stellungskrieg.
Mit dem Scheitern des Schlieffenplanes offenbarte sich sofort die ganze Kurzsichtigkeit der deutschen Generalität, die so sehr vom Erfolg ihrer Strategie überzeugt war, daß sie es völlig versäumt hatte, sich auf einen länger andauernden Krieg vorzubereiten. Die Generäle hatten vor allem nicht berücksichtigt, daß Deutschland bei praktisch allen wichtigen Rohstoffen auf Importe angewiesen war und zumeist keine nennenswerten Vorräte besaß. Insbesondere mangelte es an Salpeter, dem entscheidenden Grundstoff zur Munitionsherstellung, da das Reich durch die englische Blockade von den Lieferungen aus Chile völlig abgeschnitten war. Schon im September 1914 nahm der Munitionsmangel so deutliche Formen an, daß es beinahe so aussah, daß das Deutsche Reich den mit so weitgesteckten Zielen begonnenen Krieg spätestens Anfang 1915 würde abbrechen müssen.

1.3.2 Industrie und Kapital retten den Krieg - Bosch und die BASF liefern das Schießpulver

An dieser Stelle trat die deutsche Industrie auf den Plan, zunächst in Gestalt Walther von Rathenaus, des Vorstandsvorsitzenden der AEG. Schon eine Woche nach Kriegsbeginn wurde er beim Chef der obersten Heeresleitung General von Falkenhayn vorstellig, um diesen auf die Gefahr des allgemeinen Rohstoffmangels hinzuweisen, der Deutschland und die deutsche Industrie im Falle eines länger andauernden Krieges unausweichlich bedrohen mußte. Rathenau beließ es jedoch nicht bei der Warnung, sondern schlug auch ein System von Kontrollen zur Rationierung und Verteilung strategisch wichtiger Rohstoffe vor (wobei in die Verteilung auch die Vorräte des gerade erst überrannten Belgien einbezogen wurden). Falkenhayn begriff sehr schnell, was ihm vorgetragen wurde, und nur drei Tage später wurde innerhalb des Kriegs­ministeriums die Kriegsrohstoffabteilung (KRA) - natürlich unter der Leitung von Rathenau - begründet.
Auch die chemische Industrie blieb nicht untätig. Direkt nach der Marneschlacht im September 1914 kam es in Berlin zu einem Treffen zwischen BASF-Chef Carl Bosch auf der einen und hochrangigen Vertretern des Militärs auf der anderen Seite. Im Verlauf dieses Gesprächs war Bosch zwar schockiert von der Unwissenheit der Generäle über die Grundlagen der Sprengstoffherstellung, gleichzeitig sah er aber auch die Möglichkeit, der kriegs- und blockadebedingt brachliegenden Chemieindustrie über die Schießpulverproduktion für den Krieg wieder zu gefüllten Auftragsbüchern zu verhelfen. Einzige Bedingung dafür: es mußte ein großtechnisches Verfahren zur Herstellung von Salpetersäure aus Ammoniak gefunden werden. Bosch hielt dies für ein lösbares Problem und gab daraufhin der obersten Heeresleitung das später so genannte "Salpeterversprechen". Natürlich war dieses Angebot nicht umsonst - Bosch forderte die Entlassung des gesamten Oppauer Personals aus der Armee, Abnahme- und Preisgarantien für die produzierte Salpetersäure und ein Staatsdarlehen von 35 Millionen Mark. In Anbetracht der Lage blieb dem Reich letztlich nichts anderes übrig, als diese Bedingungen anzunehmen. Bosch kehrte nach Oppau zurück und begann mit einem Großeinsatz zur Ankurbelung des neuen Projekts. Dieses Unternehmen kann als Prototyp des "Manhattan Project" angesehen werden: eine uneingeschränkte Kooperation von Staat und Industrie, um ohne Rücksicht auf Kosten und Materialaufwand ein spezielles Rüstungsproblem zu lösen, von dem der Ausgang eines Krieges abhängen kann.[12] Als im Mai 1915 die erste Salpetersäureanlage in Oppau ihre Produktion aufnahm, (zu diesem Zeitpunkt waren alle anderen Salpetervorräte in Deutschland, ob im Reich selbst zusammengesucht oder in den besetzten Ländern geplündert, so gut wie aufgebraucht), war für die Militärs der Fortbestand des Krieges gesichert. Schon bald reichte jedoch die Kapazität der Oppauer Anlagen nicht aus - zu gewaltig war der Munitionsverbrauch in den mörderischen Stellungsschlachten. Die Reichsregierung verlangte zunächst aus Preis- und Zeitgründen einen Ausbau der vorhandenen Kapazitäten, doch das war nicht im Sinne von Carl Bosch. Eine günstigere Gelegenheit für die BASF, billig zu einer völlig neuen Fabrik zu gelangen, schien kaum vorstellbar.

Foto
Ammoniakwerk Merseburg-Leuna, Bedienungsstand
(I.G.Farbenindustrie Aktiengesellschaft, Frankfurt/M.; Werbeschrift 1936; R.&H.Hoppenstedt '33, Spezialarchiv der dt. Wirtschaft (Sonderveröffentlichung) – Berlin 1936; S.16a.)
In Kooperation mit dem Sektionschef für chemische Fragen im Kriegsministerium (ein Reserveleutnant namens Hermann Schmitz, der mit dieser Zusammenarbeit den Grund­stein für seine glänzende Zukunft in den Führungsetagen der Chemieindustrie gelegt hatte...) setzte Bosch durch, daß ein neues Ammoniak- und Salpeterwerk im mitteldeutschen Leuna errichtet werden sollte. Da eine frühzeitige Fertigstellung und eine größtmögliche Kapazität der Anlagen im allergrößten Interesse des Heeres lagen, erwies sich Leuna für die BASF als eine wahre Goldgrube. Zu Reichskrediten in Höhe von insgesamt 432 Millionen Mark (die schließlich im Hyperinflationsjahr 1923 zurückgezahlt wurden) kamen ein Genehmigungsverfahren unter Militärrecht und ein Enteignungsverfahren, mit denen den Bauern in und um Leuna, die in den Schützengräben von West- und Ostfront auch ihren Besitz zu verteidigen glaubten, ihr Land für ein Fünftel des tatsächlichen Wertes entrissen wurde: "Da ein großer Teil der Besitzer sich zur Zeit im Feld befindet, ist auf normalem Wege der Ankauf erst in Wochen und Monaten zum Abschluß zu bringen. Das Kriegsministerium könnte uns in der Weise unterstützen, daß es die Enteignung einleitet auf Grund des Kriegsleistungsgesetzes."[13] Der finanzielle Erfolg der BASF war hoch genug, um während des gesamten Krieges eine 25%ige Gewinnausschüttung an die Anteilseigner zu rechtfertigen.[14]

1.3.3 Die chemische Wissenschaft im Dienst von Krieg und Unmenschlichkeit
Foto
Das Einfüllen von Per-Stoff in 7,7-cm-Granaten in Gegenwart von Geheimrat Haber und Prof. Hahn, Mai 1916
(Duisberg, Carl: Meine Lebenserinnerungen – Philipp Reclam jun.: Leipzig 1933; S. 96b.)

Nicht nur die chemische Großindustrie, auch die Vertreter der Chemie als Wissenschaft taten ihr Bestes, um dem Kaiserreich und der Obersten Heeresleitung eine Fortführung des Krieges zu ermöglichen. Auf Rathenaus Vorschlag war am Kriegsministerium eine Abteilung unter Leitung von Fritz Haber eingerichtet worden, die sich unter anderem mit der Suche nach synthetischen Ersatzstoffen für die knappen natürlichen Rohstoffe befassen sollte - das "Büro Haber". Um den Natio­nalisten ("Der Wissenschaftler dient im Frieden der Menschheit, im Kriege dem Vaterland.") und Militaristen Fritz Haber, der sich zunächst trotz seines Alters von 45 Jahren als Kriegsfreiwilliger beworben hatte und sehr enttäuscht gewesen war, nicht berücksichtigt worden zu sein, versammelte sich mit Walther Nernst, Emil Fischer, Gustav Hertz, Wilhelm Westphal, Erwin Madelung, Richard Willstätter, James Franck, Otto Hahn, ... die Elite der deutschen Wissenschaft, die allesamt ihr Wissen und Können in den Dienst des Krieges stellten.[15] So lange in den Laboratorien von Oppau noch an der großtechnischen Herstellung von Salpetersäure geforscht wurde, suchte die deutsche Armeeführung nach anderen Mitteln, um die erstarrten Fronten in Bewegung zu bringen. Die gewünschte Methode wurde im "Büro Haber" entwickelt. Es war nichts anderes als die Idee, das in der chemischen Industrie in großen Mengen als Abfall an­fallende Chlorgas (und andere giftige Substanzen) als Waffe zu verwenden. Obwohl die Haager Konvention, die auch Deutschland unterzeichnet hatte, die Verwendung von Giftgasen verbot, waren die Aussichten auf einen Erfolg durch den Einsatz von Chemikalien zu verlockend, als daß man sich von der Konvention hätte zurückhalten lassen. Allein die Tatsache, daß Giftgase verboten waren, sicherte Deutschland ein Überraschungsmoment.[16] Gerade den Wissenschaftlern waren diesbezügliche Skrupel fremd: "Der menschliche Körper mit seinen 2 qm Oberfläche stellte eine Zielscheibe dar, die gegen den Eisenstrudel von Maschinengewehr und Feldkanone nicht mehr unbeschädigt an die verteidigte Stellung heranzubringen war. Der Verteidiger konnte nicht vor dem Sturme in seiner Erddeckung niedergekämpft werden, weil ihn die fliegenden Eisenteile nicht genügend erreichten. Es war eine Sache der naturwissenschaftlichen Phantasie, diesen Zustand vorauszusehen und auf die Abhilfe zu verfallen, die der Stand der Technik möglich macht. Diese Abhilfe ist der Gaskrieg."[17] Zwar war ein erster Versuch mit Xylylbromid (T-Stoff) im Januar 1915 an der Ostfront bei Bolimow aufgrund der Kälte fehlgeschlagen, der erste größere Einsatz fand dann jedoch am 22. April 1915 mit Chlorgas bei Ypres statt. Die Wirkung des Gasangriffes war wahrhaft verheerend. Noch vor dem Abend lagen 15000 Männer auf dem Schlachtfeld, ein Drittel davon tot. Eine riesige Lücke von nahezu zehn Kilometern war in die Linien der Alliierten gerissen worden. Nichts stand mehr zwischen den Deutschen und den ungeschützten französischen Kanalhäfen direkt gegenüber von England. Doch die Unfähigkeit der deutschen Heeresleitung, den Erfolg ihrer neuen Waffe vorauszusehen, ersparte den Alliierten die Vernichtung. Haber war darüber sehr verbittert. Wie er später schrieb, hätten die Deutschen den Krieg gewonnen, wenn sie seinem Rat gefolgt wären und anstelle des Experiments von Ypres einen großangelegten Angriff gestartet hätten.[18] Nach dem Angriff von Ypres bereitete Haber einen Gasangriff an der Ostfront vor. Seine Frau Clara, selbst promovierte Chemikerin, bat ihn, das Projekt abzubrechen. Giftgas sei eine Perversion der Wissenschaft und sein Einsatz eine Barbarei. Er lehnte ihre Bitte ab mit der Begründung, als Patriot sei es seine Pflicht, alles in seiner Macht Stehende zu tun, um Deutschland zu helfen. In der Nacht seiner Abreise an die Ostfront beging Clara Immerwahr-Haber Selbstmord. Auch nach dem Freitod seiner Frau konzentrierte sich die Arbeit des Hauptmanns Haber auf den Gaskrieg. Nach dem Chlor wurden im Laufe der Zeit weitere, noch giftigere und gefährlichere Substanzen wie Phosgen ("Per-Stoff") und Senfgas ("Lost") erprobt und zum Einsatz gebracht. Aber auch andere Aspekte der Kriegstechnik wurden im "Büro Haber" bearbeitet, so ist beispielsweise der Name von Walther Nernst nicht nur mit der nach ihm benannten Gleichung verbunden, sondern auch mit der Erfindung einer grausamen Waffe - des Flammenwerfers. Haber und seine Mitarbeiter stellten sich vorbehaltlos, sogar begeistert in den Dienst von Staat und Militär. Mit der Wissenschaftlern eigenen Respektlosigkeit vor gegebenen "Grenzen" (welcher Art diese auch immer sein mögen) optimierten sie - immer streng wissenschaftlich - die massenhafte Vernichtung menschlichen Lebens so weit, wie es sich zuvor wahrscheinlich noch nicht einmal das Militär erhofft hatte.[19]

1.3.4 Die Kriegsproduktion der chemischen Industrie

Deutschland benötigte keine umständlichen Verwaltungsapparate für die Bereitstellung neuer Kriegschemikalien, die halbindustrielle Arbeit zur Entwicklung neuer Herstellungsverfahren oder die eigentliche Herstellung genehmigter Substanzen. Indem es sich auf die deutschen Chemiefirmen verließ, konnte es auf solche umfassenden Verwaltungsapparate verzichten, deren Einrichtung die Anstrengungen der alliierten Länder behinderte (...) Es bestand kein Grund zur Einrichtung einer neuen Behörde, da in den deutschen Chemiefirmen schon eine schlagkräftige Organisation vorhanden war.[20] Der Gaskrieg nutzte die Abfallprodukte der Farbenerzeugung und bescherte so der ihrer Absatzmärkte im Ausland beraubten chemischen Industrie neue Profitmöglichkeiten.

Foto
Deutscher Gasangriff bei Ypern
(Köhler, Otto: ... und heute die ganze Welt; Die Geschichte der I.G. Farben und ihrer Väter – Rasch und Röhrig Verlag: Hamburg, Zürich 1986; ISBN 3-89438-010-1; S. 173)
Es ist eine Eigenart der chemischen Industrie, daß sie innerhalb von kurzer Zeit von Friedens- auf Kriegsproduktion umgestellt werden kann. Innerhalb von sechs Wochen wurde in Leverkusen beispielsweise eine Farbenfabrikationsstätte umfunktioniert zur Herstellung von 250 Tonnen TNT im Monat.[21] Als dazu noch die Produktion von Ersatzstoffen etc. kam, ging es den Farbenfabriken wirtschaftlich mindestens so gut wie vor dem Krieg: "Sähen Sie jetzt einmal, wie es hier in Leverkusen aussieht, wie die ganze Fabrik umgekrempelt und umorganisiert ist, wie wir fast nichts mehr als Kriegslieferungen ausführen (...), so würden Sie als der Vater und Anstifter dieser Fabrikationen Ihre helle Freude haben."[22] Dementsprechend engagierte sich ein Mann wie Carl Duisberg sowohl als deutscher Nationalist wie auch als Vorstandsvorsitzender von BAYER vehement für die Weiterentwicklung der chemischen Kriegführung. Von Duisberg stammte die Anregung, das in der Farbenindustrie in großen Mengen produzierte Lungengift Phosgen als Waffe einzusetzen: "Wie unangenehm es wirkt, ersehen Sie am besten daraus, daß ich fast 8 Tage zu Bett gelegen habe, weil ich nur einige Male dieses scheußliche Zeug eingeatmet habe (...). Wenn man nun stundenlang den Gegner mit diesem giftigsten aller gasförmigen Produkte behandelt, so werden meiner Meinung nach die Gegner, wenn sie nicht, was wahrscheinlich der Fall, sofort ausreißen, nachträglich krank werden und fiebrige Bronchitis bekommen."[23]

Produktion der wichtigsten Kampfstoffe in Deutschland 1914-1918[24]
Substanz Produzent Produktionsbeginn Gesamtmenge in 1000t
Phosgen BASF/BAYER vor 1914 (Vorprodukt der Farbstoffherst.) 11,1
Diphosgen BAYER/HOECHST Juni 1915 15,6
Lost BAYER Juni 1917 44,8
Clark HOECHST
AGFA/CASSELLA/KALLE
kleinere Firmen
Mai 1917 3,0
Cyanclark HOECHST
AGFA/CASSELLA/KALLE
kleinere Firmen
k.A. 3,5
Chlorpikrin BAYER Juni 1916 6,0
Chlor BASF/BAYER vor 1914 (Vorprodukt der Farbstoffherst.) 27,6

1.3.5 Der Einfluß der Chemieindustrie auf die Politik - die Achse Duisberg-Bauer-Ludendorff

Der Krieg hatte der deutschen Chemieindustrie zum einen ungeahnte Profite beschert, zum anderen ihren politischen Einfluß ganz außerordentlich gestärkt. Insbesondere Carl Duisberg ließ die daraus für sich erwachsenden Möglichkeiten alles andere als ungenutzt. Zwar hatte die chemische Industrie zu Beginn des Krieges keinen Grund gehabt, mit dem Generalstabschef Falkenhayn unzufrieden zu sein, im weiteren Kriegsverlauf hatte sich das aber geändert, da sich dieser der von der Industrie gewünschten Ausweitung der Rüstungsproduktion widersetzt hatte. Die verlorene Schlacht an der Somme im Juli 1916 war für Duisberg der äußere Anlaß "praktisch in die Speichen des Kriegsrades ein(zu)greifen."[25] Vor dem Industriellenclub in Düsseldorf hatte er schon am 4. März 1916 eine Tischrede gehalten, in der er die bisherigen Kriegsleistungen der chemischen Industrie herausstellte und forderte, an die Spitze der obersten Heeresleitung "Bismarcknaturen" zu setzen, "die mit eiserner Faust dreinhauen, wenn es nötig ist". Nun intrigierte er (zusammen mit Krupp und Thyssen) über den General­stabsoffizier Max Bauer, den herausragenden Unterstützer industrieller Interessen in der mili­tärischen Führung, gegen Falkenhayn, bis dieser schließlich am 28. August abgelöst und durch das Gespann aus Generalfeldmarschall Hindenburg und General Ludendorff ersetzt wurde. Der dritte Mann in dieser militärischen "Führungstroika" war der eben erwähnte Max Bauer, womit sich speziell Duisberg eine direkte Verbindung zu den Entscheidungsstrukturen der militärischen und politischen Führung gesichert hatte. Nur drei Tage später wurde von der neuen obersten Heeresleitung ein Rüstungsprogramm verkündet, das eine Verdoppelung der bis­herigen Munitionsproduktion, eine deutliche Steigerung der Giftgasproduktion und eine Verdreifachung der Herstellung von Kanonen und Maschinengewehren forderte. Damit nicht genug, kam es am 9. September, vermittelt durch Oberstleutnant Bauer, zu einem Treffen zwischen Krupp und Duisberg sowie Hindenburg und Ludendorff, das die beiden Industriellen dazu nutzten, den kriegsbedingten Arbeitskräftemangel zu beklagen. Ergebnis dieses Treffens war ein Brief an den Reichskanzler, dessen Inhalt nur als Programm für den totalen Krieg charakterisiert werden kann: "Die Fragen wie 1. der Ersatz für das Landheer gesichert bleibt und zugleich 2. die Kriegsindustrie - ohne Schädigung der Landwirtschaft - noch gesteigert werden kann, sind (...) überaus dringend und für den Ausgang des Krieges von entscheidender Bedeutung. Es erscheint schon jetzt ausgeschlossen, daß diese Fragen ohne ein­schneidende gesetzliche Maßregeln erledigt werden können (...). Der bittere Ernst der Lage (...) zwingt zur Schaffung von Arbeitskräften durch ein Kriegsleistungsgesetz (...) a) die Möglichkeit, Arbeiter aus fast stillstehenden Industriezweigen (Textilbranche usw.) zu verpflanzen; b) das Personal der gesamten Nichtkriegsindustrie (Warenhäuser usw.) einzuschränken und anders zu verwerten; c) die Arbeitskraft jedes einzelnen voll auszunutzen (...). Der Grundsatz 'Wer nicht arbeitet soll auch nicht essen' ist in unserer Lage mehr denn je berechtigt, auch den Frauen gegenüber (...). Zwangsweise staatliche Ausbildung und Verwendung der Kriegsbeschädigten in Kriegsindustrie und Landwirtschaft (...). Schliessung von Universitäten, Seminaren usw., soweit es das unabweisbare Bedürfnis der einzelnen Berufe (Ärzte) zuläßt (...). Im übrigen sind z.B. Studenten der Chemie und technischer Berufe in Fabriken usw. zu verwenden (...). Das ganze deutsche Volk darf nur im Dienste des Vaterlandes leben (...)."[26] Trotz dieses "Hindenburg-Programms" blieb der Arbeitskräftemangel weiterhin das Hauptproblem der Industrie, so daß Duisberg bald vorschlug, "das belgische Arbeitskräftereservoir zu öffnen". Ab Mitte November 1916 wurden daraufhin von der Armee mit großer Brutalität insgesamt 60000 Belgier zur Zwangsarbeit in die deutschen Industriebetriebe verschleppt. Das Vorhaben schlug allerdings fehl, da sich die Belgier weigerten zu arbeiten und die starke Anteilnahme der Weltöffentlichkeit den Einsatz härterer Zwangsmittel nicht zuließ. Das Projekt wurde schließlich abgebrochen und die Belgier wieder in ihre Heimat zurücktransportiert (weniger Glück hatten die polnischen, serbischen und russischen Zwangsarbeiter - an ihrem Schicksal war die Weltöffentlichkeit nicht interessiert, und sie mußten weiterhin Sklavenarbeit für die deutsche Kriegsmaschinerie verrichten).[27]
Mit zunehmender Dauer des Krieges setzte sich an der Spitze der Reichsregierung die Einsicht durch, daß der Krieg nicht mehr zu gewinnen war, und daß der Illusion eines glorreichen Sieges Friedensverhandlungen vorzuziehen seien. Nichts konnte dem Bündnis aus oberster Heeresleitung und Industrie ungelegener kommen als solche Pläne. Während Ludendorff den Reichstag unter Druck setzte, um die Pläne für den totalen Krieg durchzupeitschen, forderte Duisberg am 25. Februar 1917 "im Einverständnis mit Ludendorff und Hindenburg" die Entlassung des Reichskanzlers: "Wenn es zum Gegensatz käme, entweder Hindenburg oder Bethmann, die Beseitigung Bethmanns wäre sicher (...). Wir sind ganz auf Krieg und Gewalt eingestellt, und das beste wäre, wenn diese Sachlage auch äußerlich zum Ausdruck käme, daß der Marschall auch Kanzler wäre (...). Wenn der Marschall im Felde siegt, siegt auch der Kanzler in der 'Politik'. Denn jetzt ist 'Politik' gleich Krieg und Krieg gleich 'Politik'."[28] Als schließlich Oberstleutnant Max Bauer in Berlin gegen Bethmann Hollweg intrigierte, kapitulierte der Kaiser vor dem "Aufstand der Industriellen" - der Reichskanzler mußte gehen.
Die engen Beziehungen zur militärischen Führung nutzten Duisberg und der Chemieindustrie auch in einer weiteren nicht ganz unproblematischen Situation. Sogar industriefreundlich gesonnene Offiziere, wie der im Kriegsamt tätige Hauptmann Richard Merton (im Zivilleben Leiter der "Metallgesellschaft", der größten Metallhandelsgesellschaft der Welt) hatten festgestellt, daß die Gewinne der Kriegsindustrie längst in keinem Verhältnis mehr zu den erbrachten Leistungen standen. Just als Duisberg wieder einmal die Forderung der Industrie nach einem allgemeinen Lohnstop vorbrachte, überreichte Merton seinem Vorgesetzten, General Groener, ein Papier mit dem provozierenden Titel "Denkschrift über die Notwendigkeit eines staatlichen Eingriffs zur Regelung der Unternehmergewinne und Arbeiterlöhne". Darin pran­gerte er unter anderem das System an, den Preis einer Lieferung erst bei der Auslieferung selbst anzugeben, so daß der Staat als Auftraggeber gezwungen war, jede geforderte Summe zu zahlen. Er stellte fest, daß die Gewinne der Kriegsindustrie schon hoch genug seien, um eine Lohnerhöhung ohne gleichzeitige Preiserhöhung abfangen zu können. Daraus entwickelte Merton drei Forderungen: Preise sollten bei Vertragsabschluß festgesetzt werden, nicht erst bei Lieferung. Gewinne aus Rüstungsaufträgen sollten höher besteuert werden. Schließlich sollte der Reichskanzler ermächtigt werden, unkooperative Unternehmen unter Zwangsverwaltung zu stellen. Groener reichte die Denkschrift - Zustimmung signalisierend - weiter an den neuen Reichskanzler Michaelis und forderte dadurch die Industrie auf das heftigste heraus. Duisberg lud als Reaktion darauf eine Gruppe einflußreicher Industrieller zu einem Treffen in den Düsseldorfer Industrie-Club ein und schlug schon in der Einladung Alarm mit dem Hinweis, daß Maßnahmen zur Begrenzung der Gewinne gegen die Unternehmen geplant seien und daß Eile geboten sei, dagegen vorzugehen. Wieder einmal bewährte sich die Achse Duisberg-Bauer-Ludendorff. Groener wurde zur Truppe versetzt, Merton sollte in ein besonders gefährdetes Gebiet an der Westfront kommandiert werden. Nur durch die Intervention des Majors Kurt von Schleicher entging er diesem Schicksal und bekam einen Auftrag zur Untersuchung von "Bestechung in der Industrie der besetzten Gebiete". Ansonsten blieb alles beim Alten und die enormen Gewinne der für den Krieg produzierenden Industrie gänzlich unangetastet. Zwar wies Duisberg alle Anschuldigungen zurück, er und Bauer hätten gegen Groener intrigiert. Der Historiker Gerald Feldman, der die entsprechenden Dokumente studierte, kam jedoch später zu der Feststellung: "In Anbetracht der vorhandenen Beweise (...) ist es unmöglich zu glauben, daß Duisberg nicht gelogen hat."[29]

1.3.6 Schlussfolgerungen
Foto
Explosion einer Produktionsstätte für TNT am 27.1.1917 - mindestens acht Tote und Hunderte von Verletzten
(Duisberg, Carl: Meine Lebenserinnerungen – Philipp Reclam jun.: Leipzig 1933; S. 104b.)

In den vier Jahren des I. Weltkriegs hatte es die Chemieindustrie zunächst ermöglicht, das Weitermorden auch über die Grenzen der natürlichen Rohstoffvorräte hinaus fortzusetzen. Sie hatte in engster Zusammenarbeit mit der Wissenschaft durch die Entwicklung, Produktion und Anwendung chemischer Massenvernichtungswaffen diesen Krieg auf eine noch höhere Stufe der Unmenschlichkeit gehoben. Während es in diesen Jahren schon in der Produktion für den Kriegsbedarf insgesamt 2242 Todesopfer bei 85630 gemeldeten Unfällen gab, stiegen die Gewinne der chemischen Industrie in nie geahnte Höhen. Kurz - in diesen vier Jahren zeigten die Chemieindustrie und ihre Führer nichts als die beiden häßlichen Fratzen des Kriegstreibers und des Kriegsgewinnlers.

 


[12] Borkin, Joseph: Die unheilige Allianz der I.G. Farben; eine Interessengemeinschaft im Dritten Reich – Campus Verlag: Frankfurt/Main, New York 1979, 1990 (Bd. 1030); S. 20.
[13] "Kämpfendes Leuna", Berlin 1961, S. 44. — zitiert nach Köhler, Otto: ... und heute die ganze Welt; Die Geschichte der I.G. Farben und ihrer Väter – Rasch und Röhrig Verlag, Hamburg, Zürich 1986; ISBN 3-89438-010-1; S. 33.
[14]Borkin, Joseph: Die unheilige Allianz der I.G. Farben; eine Interessengemeinschaft im Dritten Reich – Campus Verlag: Frankfurt/Main, New York 1979, 1990 (Bd. 1030); S. 25f.
[15] Eine der wenigen Ausnahmen unter den Chemikern stellte Hermann Staudinger dar, der 1917 im Exil in einer Denkschrift vom Frieden feststellte: "Wir Chemiker (haben) in Zukunft die Verpflichtung (...), auf die Gefahren der modernen Technik aufmerksam zu machen, um so für eine friedliche Gestaltung der europäischen Verhältnisse zu wirken." Haber, an den dies gerichtet war, beschuldigte Staudinger daraufhin, "Deutschland in der Zeit seiner größten Not in den Rücken gefallen" zu sein. (Angerer, Jo: Chemische Waffen in Deutschland; Mißbrauch einer Wissenschaft – Luchterhand: Darmstadt 1985; S.49.)
[16] Borkin, Joseph: Die unheilige Allianz der I.G. Farben; eine Interessengemeinschaft im Dritten Reich – Campus Verlag: Frankfurt/Main, New York 1979, 1990 (Bd. 1030); S. 23.
[17] Haber, Fritz: "Fünf Vorträge", Berlin 1924, S. 27f. — zitiert nach Köhler, Otto: ... und heute die ganze Welt; Die Geschichte der I.G. Farben und ihrer Väter – Rasch und Röhrig Verlag: Hamburg, Zürich 1986; ISBN 3-89438-010-1; S. 44f.
[18] Borkin, Joseph: Die unheilige Allianz der I.G. Farben; eine Interessengemeinschaft im Dritten Reich – Campus Verlag: Frankfurt/Main, New York 1979, 1990 (Bd. 1030); S. 24.
[19] Ein Musterbeispiel dafür, daß diese Haltung auch heute noch fortbesteht, lieferte der ame­rikanische Chemiker Louis Fieser, der es sich zum Ziel gesetzt hatte, die Wirkung von Brandbomben zu "verbessern", dabei das Napalm erfand und seine Entdeckung ohne Vorbehalte dem Militär zur Verfügung stellte. [20] Lefebure, Victor: "The Riddle of the Rhine", London 1921, S. 85, 144. — zitiert nach Borkin, Joseph: Die unheilige Allianz der I.G. Farben; eine Interessengemeinschaft im Dritten Reich – Campus Verlag: Frankfurt/Main, New York 1979, 1990 (Bd. 1030); S. 24f.
[21] Köhler, Otto: ... und heute die ganze Welt; Die Geschichte der I.G. Farben und ihrer Väter – Rasch und Röhrig Verlag: Hamburg, Zürich 1986; ISBN 3-89438-010-1; S. 71.
[22] Carl Duisberg an Max Bauer, 24.07.1915, Bundesarchiv Koblenz. — zitiert nach Borkin, Joseph: Die unheilige Allianz der I.G. Farben; eine Interessengemeinschaft im Dritten Reich – Campus Verlag: Frankfurt/Main, New York 1979, 1990 (Bd. 1030); S. 26.
[23] Carl Duisberg an Max Bauer, 03.03.1915, Bundesarchiv Koblenz. — zitiert nach Borkin, Joseph: Die unheilige Allianz der I.G. Farben; eine Interessengemeinschaft im Dritten Reich – Campus Verlag: Frankfurt/Main, New York 1979, 1990 (Bd. 1030); S. 23.
[24] Max-Planck-Gesellschaft: ... im Frieden der Menschheit, im Kriege dem Vaterlande...; 75 Jahre Fritz-Haber-Institut der MPG; Bemerkungen zur Geschichte und Gegenwart; S.30.
[25] Carl Duisberg an Max Bauer, 10.09.1916, Bundesarchiv Koblenz. — zitiert nach Borkin, Joseph: Die unheilige Allianz der I.G. Farben; eine Interessengemeinschaft im Dritten Reich – Campus Verlag: Frankfurt/Main, New York 1979, 1990 (Bd. 1030); S. 27.
[26] Ludendorff,Erich: "Urkunden der Obersten Heeresleitung", Berlin 1920 S.65ff. — zitiert nach Köhler, Otto: ... und heute die ganze Welt; Die Geschichte der I.G. Farben und ihrer Väter – Rasch und Röhrig Verlag: Hamburg, Zürich 1986; ISBN 3-89438-010-1; S. 105ff.
[27] vergl. Köhler, Otto: ... und heute die ganze Welt; Die Geschichte der I.G. Farben und ihrer Väter – Rasch und Röhrig Verlag: Hamburg, Zürich 1986; ISBN 3-89438-010-1; S. 116.
[28] Deutsches Zentralarchiv Merseburg, Rep. 77, Tit. 863A, Nr. VI. — zit. nach "Weber, Hellmuth: Ludendorff und die Monopole, Berlin 1966, S. 104" und "Haußmann, Conrad: Schlaglichter, Frankfurt 1924 S. 89" — zitiert nach Köhler, Otto: ... und heute die ganze Welt; Die Geschichte der I.G. Farben und ihrer Väter – Rasch und Röhrig Verlag: Hamburg, Zürich 1986; ISBN 3-89438-010-1; S. 119.
[29] zitiert nach Borkin, Joseph: Die unheilige Allianz der I.G. Farben; eine Interessengemeinschaft im Dritten Reich – Campus Verlag: Frankfurt/Main, New York 1979, 1990 (Bd. 1030); S. 30.
[30]Köhler, Otto: ... und heute die ganze Welt; Die Geschichte der I.G. Farben und ihrer Väter – Rasch und Röhrig Verlag: Hamburg, Zürich 1986; ISBN 3-89438-010-1; S. 113.

[⇐ zurück] [vor ⇒]