Neben den großartigen Profiten für seine Industrie hatte der I. Weltkrieg für Carl Duisberg noch einen weiteren erfreulichen Aspekt. Was Duisbergs ganze agitatorische Kraft zwischen 1903 und 1914 nicht komplett zuwege gebracht hatte, das verlief unter den Bedingungen der Kriegsproduktion ohne größere Probleme beinahe reibungslos - das Zusammengehen aller wichtigen deutschen Chemieunternehmen. Zwei Dinge waren dafür hauptsächlich von Bedeutung. Allen Beteiligten war klar, daß sich die herausragende Stellung der deutschen Farbenindustrie nach Kriegsende (unabhängig vom Ausgang desselben) nicht wiederherstellen lassen würde, denn nachdem die Alliierten begriffen hatten, daß die chemische Industrie einen wesentlichen Schlüssel zur militärischen Macht des Deutschen Reichs darstellte, steckten sie allesamt bedeutende Beträge in den Aufbau einer eigenen nationalen Farbenindustrie. Somit waren für die Zeit nach Kriegsende riesige Überkapazitäten auf dem Chemiesektor bereits lange vorher absehbar. Weiterhin verlangte schon die besondere Struktur der Kriegsproduktion, die Ausrichtung auf den Staat als einzigen Abnehmer eine funktionierende firmenübergreifende Organisation. So gesehen war es eine logische Folge der Umstände, daß sich im August 1916 Dreibund (BAYER, BASF, AGFA) und Dreierverband (HOECHST, CASSELLA, KALLE) mit der Chemischen Fabrik vorm. Weiler Ter Meer zu einer zunächst auf 50 Jahre angelegten 'Interessengemeinschaft der deutschen Teerfarbenfabriken' zusammenschlossen (1917 kam noch die Chemische Fabrik Griesheim-Elektron hinzu). Dieser Zusammenschluß wurde später als die 'kleine I.G.' bezeichnet.
Nachdem Ende 1918 die militärische Niederlage des Deutschen Reiches offensichtlich wurde und in vielen Städten revolutionäre Arbeiter- und Soldatenräte die Macht übernahmen, schien es zunächst, als sei die Macht von Industrie und Kapital gebrochen. Die Allierten hatten ihren Willen bekundet, die Verantwortlichen für Krieg und Kriegsverbrechen zu bestrafen, und so kam es, daß Duisberg wenige Wochen nach dem Waffenstillstand vom 11. November vorübergehend in die Schweiz floh - wie übrigens auch Fritz Haber und Walther Nernst. Nach der Niederschlagung der Revolution durch das Bündnis aus der SPD-Regierung unter Ebert und dem Militär hatten sich die Aussichten für die I.G. zumindest innenpolitisch wieder gebessert. Für die Friedensverhandlungen mit den Alliierten wurde BASF-Chef Carl Bosch von der neuen Regierung zu ihrem Sprecher für Wirtschaftsfragen ernannt. Sein Auftrag war die Rettung der I.G.-Gesellschaften. Deutschland mochte den Krieg verloren haben - die I.G. hatte nicht vor, den Frieden zu verlieren.[31]
Bei den Friedensverhandlungen selbst gab es auf Seiten der Alliierten unterschiedliche Auffassungen über die Vorgehensweise bezüglich der Chemieindustrie. Briten und Amerikaner wollten sich auf die Bereiche beschränken, die nur für die Giftgas- und Sprengstoffherstellung, nicht jedoch für die zivile Produktion von Bedeutung waren. Dabei entdeckten sie zu ihrer Enttäuschung nichts, was der Wissenschaft nicht schon bekannt gewesen wäre - diese Nutzung bereits vorhandenen Potentials war ja gerade der Hintergrund, vor dem der Gaskrieg von deutscher Seite aus geführt worden war. Im Gegensatz dazu verlangten die Franzosen die Offenlegung sämtlicher Produktionsgeheimnisse über die Farbenherstellung und insbesondere über die Ammoniak- und Nitratherstellung in Leuna und Oppau. Die Bedingungen der Alliierten für einen Friedensvertrag enthielten schließlich sogar die Forderung nach Schließung und Demontage aller Fabriken, die der "Herstellung, Vorbereitung, Lagerung oder zur Konstruktion von Waffen, Munition oder irgendwelchem Kriegsmaterial"[32] gedient hatten, womit ganz offensichtlich auch die I.G.-Anlagen gemeint waren, die Giftgas und Nitrate erzeugt hatten. In dieser Form hätte das das Ende der deutschen Chemieindustrie bedeutet. Hier spielte Bosch jedoch seine Trumpfkarte aus. Diese hieß Joseph Frossard, war nach Kriegsende nach Ludwigshafen beordert worden, um dort die besetzten Produktionsstätten der BASF zu kontrollieren und tauchte dann in Versailles als Sachverständiger für Farbstoffe und Chemieprodukte auf. Ergebnis von Boschs Verhandlungen mit Frossard und auf dessen Vermittlung mit französischen Militärvertretern war eine Übereinkunft, nach der die I.G. den Franzosen sowohl die Produktionsgeheimnisse der Farbstoffindustrie als auch die des Haber-Bosch-Verfahrens zur Verfügung stellen sollte. Diese würden dafür im Gegenzug auf die Forderung nach Demontage der I.G.-Fabriken verzichten. Damit war die I.G. - wenn auch um einen hohen Preis - gerettet.
Etwa zur gleichen Zeit lenkte die Entscheidung des Nobelkomitees in Stockholm, den Nobelpreis für Chemie für seine Arbeiten zur Ammoniaksynthese an Fritz Haber zu vergeben, die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit wieder auf das Problem der Kriegsverbrechen. Trotz vieler Proteste vor allem von Seiten französischer Wissenschaftler wurde die Verleihung wie geplant vorgenommen. Dies war symptomatisch für die gesamte Behandlung des Problems seit Kriegsende. Von einer Liste von ursprünglich 900 Personen, die wegen Kriegsverbrechen angeklagt werden sollten (darunter auch Haber), waren zwei Jahre später gerade noch 45 geblieben, und zwar hauptsächlich Randfiguren wie U-Boot-Kommandanten oder Gefängniswärter. Hingegen hatten sich die prominenten Entscheidungsträger des ehemaligen Kaiserreiches zu dieser Zeit längst wieder in ihren alten oder einflußreichen neuen Positionen etabliert. Der Name von Carl Duisberg, den seine Vorsicht ja immerhin für kurze Zeit zur Flucht in die Schweiz veranlaßt hatte, war noch nicht einmal auf der ersten Liste erschienen.
Für die ArbeiterInnen in der chemischen Industrie bedeutete die Niederschlagung der Novemberrevolution den Anfang einer stetigen Verschlechterung ihrer Lage. Bosch war es in Versailles gelungen, die ebenfalls an den Friedensverhandlungen teilnehmenden Gewerkschaftsführer von der Idee einer Vergesellschaftung der Großindustrie abzubringen, indem er ihnen Verwaltungsratsmandate in einem neu zu gründenden Syndikat der deutschen Stickstofferzeuger zusagte (dieses Syndikat sollte tatsächlich bis 1945 bestehen und zu einem der wesentlichen Stützpfeiler des I.G.-Farben-Konzerns werden). Bedingt durch den Arbeitskräftemangel während des Krieges hatten sich die Chemie-ArbeiterInnen vor 1918 einige Verbesserungen ihrer Situation erkämpfen können. Nun bauten die meisten Betriebe jedoch ihre Belegschaften in etwa wieder auf den Vorkriegsstand ab und nahmen diese Verbesserungen schrittweise wieder zurück. Um in einer Zeit wirtschaftlicher Krisen die Profite so hoch wie nur möglich zu halten, wurden die Arbeitsbedingungen verschärft, wo es nur möglich erschien. Diese Politik war wahrscheinlich die Hauptursache für eine der größten industriellen Katastrophen der Geschichte. Am 21. September 1921 gab es im BASF-Werk in Oppau eine gigantische Explosion, die die Anlage vollständig zerstörte. Vermutlich war ein Mischdünger aus Ammoniumsulfat und Ammoniumnitrat durch ein neues, billigeres aber ungeeignetes Produktionsverfahren brisant geworden. Um die steinharte Masse - insgesamt über 4000 Tonnen - trotzdem noch verkaufen zu können, sollte sie mit Sprengkapseln verladefähig gesprengt werden; zudem wurden die mit dieser gefährlichen Arbeit beauftragten Sprengtechniker durch ein Leistungslohnprinzip unter Druck gesetzt und damit zur Mißachtung von Sicherheitsvorschriften verleitet. 565 Menschen innerhalb und außerhalb des Werkes wurden getötet, mehr als 2000 verletzt, über 7000 waren obdachlos.[33] Auch nach dieser Katastrophe ging jedoch die Beschneidung erkämpfter ArbeiterInnenrechte weiter. Am 3. März 1924 wurde mit der Abschaffung des Achtstundentages die letzte dieser Verbesserungen bei der BASF beseitigt und die Proteste dagegen mit Hilfe der französischen Besatzungsmacht blutig niedergeschlagen.[34]
Im Großen und Ganzen betrachtet war die Lage der deutschen Chemieindustrie in den Jahren nach dem I. Weltkrieg zwar nicht besonders gut, sie war aber weitaus günstiger, als es die Industriellen befürchtet hatten. Die inneren Strukturen der I.G. waren nicht angetastet worden und eine Demontage der Farben- und Stickstoffabriken hatte verhindert werden können. Natürlich war die überragende Stellung, die die deutsche Industrie in der Vorkriegszeit innehatte, unwiederbringlich verloren. Amerikaner und Briten besaßen die im Krieg beschlagnahmten Auslandspatente der deutschen Farbenfabriken, und den Franzosen hatten im Anschluß an den Versailler Vertrag viele Produktionsgeheimnisse preisgegeben werden müssen. Trotzdem bildete die deutsche Farbenindustrie immer noch ein Machtzentrum von entscheidendem Gewicht. National gesehen war die I.G. sogar "die einzige Großgruppe, deren Aktien nach der Goldumstellung auch nach den Börsenkursen einen höheren Wert repräsentierten, als vor dem Kriege. Statt 735 Millionen Ende 1913 betrug der Kurswert der sechs großen Konzerngesellschaften Ende Dezember 1924 777 Millionen."[35] Da allerdings abzusehen war, daß die ausländische Konkurrenz weiter anwachsen würde, schlug Duisberg 1923 vor, zumindest die im Ausland befindlichen Verkaufsagenturen der einzelnen I.G.-Mitglieder zu vereinigen. Unabhängig von Duisberg hatte diesmal auch Bosch Überlegungen zu einem engeren Zusammenschluß der deutschen Chemieunternehmen angestellt. Als "Pionier" der Hochdrucktechnik hatte Bosch die weiteren Möglichkeiten dieses Gebietes (z.B. Kohlehydrierung, Kunstkautschuksynthese, ...) bereits erkannt. Die Finanzierung derartiger Projekte überforderte aber die Möglichkeiten auch der BASF bei weitem, so daß er tatkräftig auf eine Fusion aller in der bisherigen "kleinen I.G." vertretenen Unternehmen hinarbeitete. Aufgrund seiner starken Position konnte Bosch sich schließlich durchsetzen. 1924 schlossen die acht I.G.-Firmen einen Vertrag über den Zusammenschluß zu einem einzigen Unternehmen, der schließlich am 25. Dezember 1925 in die Tat umgesetzt wurde, indem die anderen sieben Firmen in die BASF eingegliedert wurden.
[31] Borkin, Joseph: Die unheilige Allianz der I.G. Farben; eine Interessengemeinschaft im Dritten Reich – Campus Verlag: Frankfurt/Main, New York 1979, 1990 (Bd. 1030); S. 32.
[32] Versailler Vertrag, Art. 168 — zitiert nach Borkin, Joseph: Die unheilige Allianz der I.G. Farben; eine Interessengemeinschaft im Dritten Reich – Campus Verlag: Frankfurt/Main, New York 1979, 1990 (Bd. 1030); S. 36.
[33] vgl. Köhler, Otto: ... und heute die ganze Welt; Die Geschichte der I.G. Farben und ihrer Väter – Rasch und Röhrig Verlag: Hamburg, Zürich 1986; ISBN 3-89438-010-1; S. 153.
[34] vgl. Köhler, Otto: ... und heute die ganze Welt; Die Geschichte der I.G. Farben und ihrer Väter – Rasch und Röhrig Verlag: Hamburg, Zürich 1986; ISBN 3-89438-010-1; S. 166ff.
[35] BAYER-Werksarchiv 1930 — zitiert nach Tammen, Helmuth: Die I.G. Farbenindustrie Aktiengesellschaft (1925-1933); ein Chemiekonzern in der Weimarer Republik – Helmuth Tammen: Berlin 1978; S.14.