Eine Betrachtung der wirtschaftlichen Macht der I.G. ist wichtig, da dies eindeutig die These widerlegt, die I.G. wäre ein "Opfer" der Nationalsozialisten geworden und nur durch Zwang zur Zusammenarbeit bereit gewesen; vielmehr wird deutlich, dass der 2. Weltkrieg in seiner vollen Grausamkeit nie ohne die Beteiligung der I.G. hätte stattfinden können. Die Struktur des Konzerns[36] ist interessant, da sie erst die Machtkonzentration ermöglichte und wachsen ließ, welche die I.G. zu einem Standbein der Nazis bei der Kriegsvorbereitung machte.

Die I.G. Farben entstand am 2.12.1925 als Endpunkt des jahrzehntelangen Konzentrationsprozesses in der chemischen Industrie Deutschlands. Durch Eingliederung der Firmen Bayer (27,4% des Grundkapitals) und Hoechst (27,4%), der Aktiengesellschaft für Anilinfabrikation (Agfa) (9,0%), der chem. Fabriken vormals Weiler Ter Meer (1,9%) und der chem. Fabrik Griesheim-Elektron (6,9%) in die BASF (27,4%) entstand der größte Konzern Europas und der größte Chemiekonzern der Welt. Zwar übertrafen ihn einige US-amerikanische Trusts, jedoch beschäftigten sich diese meist nur mit einem Produkt (z.B. Standard Oil), während die I.G. viele Tausende herstellte.
Durch Erhöhung des Aktienkapitals und Angliederung weiterer Firmen ergab sich für 1926 ein Gesamtkapital von ca. 1,4 Mrd. RM und eine Belegschaft von rund 100.000. Diese setzte sich aus 2,6% Akademikern, 18,2% sonstigen Angestellten und 79,2% Arbeitern zusammen.[37]
Ursache für den Zusammenschluss waren die verschärften internationalen Konkurrenzkämpfe. Daher fand dieser Konzentrationsprozess sowohl in den USA als auch in Großbritannien statt, wo die Imperial Chemical Industries Ltd. (ICI) entstand.
Die Schaffung der I.G. ermöglichte es, die gesamten wissenschaftlichen, technischen und kaufmännischen Tätigkeiten der vormaligen Einzelfirmen zu ordnen. Dies erreichte man durch eine sowohl räumliche als auch fachliche Gliederung.
Erstere Maßnahme ergab 4 Betriebsgemeinschaften (BGs): die BG Oberrhein (Ludwigshafen), die BG Mittelrhein (Frankfurt-Hoechst), die BG Niederrhein (Leverkusen) und die BG Mitteldeutschland (Wolfen-Bitterfeld und Frankfurt/Oder), aus der 1929 die BG Berlin ausgegliedert wird, und daneben die Bergwerksverwaltung Halle. Jedoch waren nur in der BG Niederrhein alle in diesem Gebiet liegenden Werke zur BG gehörig, da sich die Zugehörigkeit nicht allein aus der geographischen Lage, sondern auch aus der historischen Entwicklung ergab. So war der größte I.G.-Betrieb, die Leuna-Werke, obwohl er in Mitteldeutschland lag, als Tochterbetrieb von Oppau in die BG Oberrhein eingegliedert. Innerhalb der einzelnen BGs bestand eine zentrale Verwaltung, gemeinsames Transportwesen und Vorratshaltung, getreu Duisbergs Postulat der "dezentralen Zentralisation". Dies bedeutete, dass die insgesamt ca. 50 I.G.-Betriebe hierbei weitestgehend Selbständigkeit behielten, die u.a. in eigenen Forschungslabors und eigener Buchhaltung bestand.
Neben dieser regionalen Gliederung gab es einen vertikalen Aufbau der Verkaufsgemeinschaften (VGs) und der produktionstechnischen Sparten. Es existierten die VG Chemikalien (Frankfurt a.M.), die VG Pharmazeutika (Leverkusen), die VG Photo und Kunstseide (Berlin), die VG Farben (ab 1930 Frankfurt a.M. vorher in den BGs) sowie seit 1919 das Stickstoffsyndikat und für den späteren Absatz des Leuna-Benzins die deutsche Gasolin und die I.G. Abteilung Öle (Berlin).
1929 wurden auch die technischen Produktionsgruppen zu 3 Sparten zusammengefasst, die zentral Fragen der Fertigung und Investition regeln sollten. Dies waren die Sparte I - Stickstoff, Öle und Gruben mit Carl Krauch als Leiter, die Sparte II - Farben, Chemikalien und Pharmazeutika mit Fritz ter Meer als Leiter sowie die Sparte III - Kunstseide, Zellwolle und Photographika mit dem Leiter Fritz Gajewski.
Der "technische Ausschuss" (Tea) plante und leitete die gesamte Produktion der I.G. Bestehend aus den technischen Vorstandsmitgliedern und den Oberingenieuren der Sparten, standen ihm eine Vielzahl von technischen und wissenschaftlichen Kommissionen zur Seite. Den Vorsitz hatte bis 1933 Carl Bosch und danach bis Kriegsende Carl Krauch. Die kaufmännischen Belange wurden anfangs durch die "kaufmännische Kommission" und später durch den "kaufmännischen Ausschuss" (KA) geregelt, der aus den Leitern der Verkaufsgemeinschaften bestand. Den Vorsitz hatte stets Baron Georg von Schnitzler, der daher "der Verkäufer der I.G." genannt wurde. Von den zahlreichen Zentralstellen der I.G. seien nur die Zentralbuchhaltung in Frankfurt a.M., die Vertragszentrale in Ludwigshafen und die Pressestelle in Berlin erwähnt. Besondere Beachtung verdient auch die Zentralstelle für Regierungskontakte im Berliner Bezirk NW7 unter Max Ilgner, auf die weiter unten noch genauer eingegangen wird. Zwei weitere Institutionen waren für die Unabhängigkeit der I.G. bedeutungsvoll. Dies ist zum einen die eigene Versicherungsgesellschaft Pallas GmbH, zum anderen die Deutsche Länderbank AG als Hausbank im Besitz der I.G.
Wie bei jeder Aktiengesellschaft so bildeten auch bei der I.G. Vorstand und Aufsichtsrat die höchsten Verwaltungsorgane. Der Vorstand bestand aus den insgesamt 83 Mitgliedern der Gründerfirmen. Aus diesem Kreis wurde ein Arbeitsausschuss (AA) mit 27 Mitgliedern gebildet, der praktisch die Vorstandsfunktion übernahm. Den Vorsitz führte Carl Bosch. Da der AA aber immer noch zu groß war um effektiv zu arbeiten, entstand 1930 der Zentralausschuss (ZA), dem außer Bosch je zwei Leiter von BGs und zwei Leiter von Verkaufsgemeinschaften angehörten, daneben besaß Carl Duisberg als Aufsichtsratsvorsitzender beratende Stimme. Der Aufsichtsrat bestand aus 50 Mitgliedern, ihm übergeordnet war ein Verwaltungsrat mit 11 Mitgliedern unter Vorsitz Duisbergs. Nach dessen Tod 1935 wechselte Bosch vom Vorstand in den Verwaltungsrat und nach Boschs Tod 1940 übernahm Krauch den Vorsitz. Vorsitzender des Vorstandes war ab 1935 Hermann Schmitz, der auch im Aufsichtsrat der Deutschen Bank und der Vereinigten Stahlwerke, Deutschlands zweitgrößtem Konzern, saß.
Der Farbensektor
Die Zusammenlegung von Produktionsstätten ermöglichte es, die Kosten u.a. durch Entlassungen erheblich zu senken, so dass man sich an die Rückeroberung verlorener Auslandsmärkte machen konnte. Die ehemaligen Hauptabnehmer USA und England entwickelten allerdings eine durch Zölle geschützte eigene chemische Farbenindustrie.
Da die I.G. aber aufgrund ihrer Erfahrungen eine marktbeherrschende Stellung innehatte, kam es zur Bildung von Kartellen. 1928 entstand das Dreierkartell aus der I.G., deren Schweizer Tochter und einer französischen Gruppe. Nach der Aufnahme der britischen ICI ergaben sich folgende Quoten: 65,61% für die I.G. Farben, 17,39% für die Schweizer I.G. Chemie, 8,46% für die ICI und 8,4% für die französische CNC.
Hochdruckhydrierung: Stickstoff und Benzin
Durch eine Intensivierung der Forschung vergrößerte die I.G. ihre Produktpalette und drang in neue Bereiche vor. Erst die Fusion lieferte die Kapitaldecke für den Erwerb des Bergiuspatentes, zur Gewinnung von synthetischem Öl aus Kohle. Überdies waren die weiteren Forschungskosten in diesem zur Sparte I gehörigen Bereich recht hoch. So betrugen die Forschungsaufwendungen in den einzelnen Sparten im Jahr 1927 106,2 (Sparte I), 40,6 (Sparte II) und 7,2 (Sparte III) Millionen RM.
Die Stickstoffsynthese nach dem Haber-Bosch-Verfahren bescherte der BASF schon im I. Weltkrieg und danach noch bis 1928, als andere Länder ebenfalls "künstlichen Stickstoff" herstellen konnten, enorme Gewinne, so z.B. 1928 320 Mio RM. Vor allem die Umstellung von Koks auf Braunkohle für die Herstellung des bei der Ammoniaksynthese verwendeten Wassergases (CO + H2) sicherte internationale Wettbewerbsvorteile, so dass 1933 über ein Drittel der Weltproduktion von der I.G. stammte. Allerdings setzte die verstärkte internationale Konkurrenz bei ständiger Überproduktion Kapazitäten in der Hochdrucktechnologie frei. Deren Ausnutzung führte zur Methanolsynthese (CO + 2H2 1 CH3OH) und zu größeren Anstrengungen bei der Benzinsynthese. Hierbei war für alle drei Verfahren der Wasserstoff der kostenbestimmende Faktor.
Bei den Anstrengungen um die Benzinsynthese ließ man sich von den Vorstellungen einer Erdölknappheit bei gleichzeitiger verstärkter Automobilisierung leiten.
Am 5. August 1927 konnte der erste Kesselwagen mit Benzin das Werk in Leuna verlassen. Der weitere Ausbau der Benzinproduktion stieß jedoch auf technische Schwierigkeiten, so dass erhebliche finanzielle Aufwendungen nötig wurden. Um diese weiterhin erbringen zu können, wurde mit dem US-"Erdölriesen" Standard Oil eine gemeinsame Firma für die Verwertung der Hydrierpatente im Ausland gegründet, die JASCO (20% I.G., 80% Standard). Die I.G. erhielt dafür 2% des Standard-Aktienkapitals, immerhin 35 Mio. US-Dollar. Darüberhinaus wurden Interessenabsprachen getroffen, die beinhalteten, nicht in die Domäne des jeweils anderen - Öl bei der Standard, Chemie bei der I.G. - einzudringen.
Expansion
Die I.G. brachte im Laufe des Jahres 1926 die gesamte deutsche Sprengstoffindustrie unter ihre Kontrolle und schloß mit DuPont und ICI einen Interessengemeinschaftsvertrag der internationalen Sprengstoffkonzerne. Im selben Jahr wurde sie durch die Übernahme der Ribeckschen Montanwerke zum zweitgrößten Braunkohleförderer Deutschlands.
Auslandsbeteiligungen
Das getarnte Auslandsvermögen der I.G. wurde nach dem II. Weltkrieg von US-Behörden gesucht, um hiermit die überfallenen Länder zu entschädigen. Erst dabei wurde die Bedeutung der I.G. bei der Vorbereitung und Durchführung eines Angriffskrieges deutlich.
Besaß die I.G. 1927 75 ausländische Betriebe, so betrug die Zahl der von der I.G. kontrollierten Fabriken im Ausland gegen Kriegsende 500, ihr Vermögen war größer als 1 Mrd. RM. Die I.G. besaß Beteiligungen in 93 Ländern. Hierbei lag die Hauptzahl der Firmen zwar in Europa, davon 14 sogar im feindlichen England, jedoch war die I.G. auf jedem Kontinent massiv vertreten. So gab es in Afrika 22 Betriebe, 4 davon in Ägypten, in Asien 43, davon 11 in Japan und 7 in China, in Australien 2, in Lateinamerika sogar 117, wovon 16 in Brasilien, 13 in Kolumbien, 12 in Peru und 10 in Argentinien lagen, und auch in den USA bestanden 11 von der I.G. geleitete Firmen. Die 10 Werke der I.G. auf pazifischen Inseln seien hier nur der Vollständigkeit halber aufgeführt.[38]
Die Akten der Verkaufsgemeinschaft Farben und Chemikalien in Lateinamerika und die Tarnungsmethoden der I.G.
Nachdem die Firmen dort zunächst als Tochtergesellschaften der I.G. gegründet wurden, ging man später dazu über, ihren Charakter zu verschleiern, um eine höhere Besteuerung zu vermeiden, die zum Schutz der heimischen Industrie für deutsche Unternehmen bestand. Überdies konnten somit Offenlegungspflichten und weitere Handelshemmnisse vermieden werden.[39]
1937 wurden die Tarnmaßnahmen wegen einer drohenden Beschlagnahmung im Kriegsfall verbessert. Da die I.G.-Verkaufsstellen auch zur Verbreitung deutscher Propaganda dienten und den Nazis überdies Informationen über die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse der jeweiligen Länder lieferten, können sie als hervorragend getarnte Spionageorganisationen angesehen werden.
Statt von deutschen Firmenvertretern wurden diese Firmen von Strohmännern aus den USA, aus Lateinamerika selber oder aus neutralen europäischen Staaten geführt. Die Aktien wurden zwar an diese Leute verkauft, die I.G. besaß aber ein Rückkaufrecht und gewährte oft auch die für den Ankauf nötigen Kredite. Trotz der wirksamen Tarnungen wurden auch Vermögensanteile von Firmen zur Seite geschafft, wenn auch oft, um mit den Devisen deutsche Regierungsstellen zu unterstützen. Daneben bestanden noch geheime Konten der jeweiligen Firmen.

[36] vgl. Tammen, Helmuth: Die I.G. Farbenindustrie Aktiengesellschaft (1925-1933); ein Chemiekonzern in der Weimarer Republik – Helmuth Tammen: Berlin 1978; S.21 - 29.
[37] vgl. Tammen, Helmuth: Die I.G. Farbenindustrie Aktiengesellschaft (1925-1933); ein Chemiekonzern in der Weimarer Republik – Helmuth Tammen: Berlin 1978; S.195.
[38] O.M.G.U.S.: Ermittlungen gegen die I.G. Farben – Hrsg. Hans Magnus Enzensberger; Verlag Franz Greno, Nördlingen 1986 (Sonderband der Anderen Bibliothek); ISBN 3-891-900-198; S.270ff.
[39] O.M.G.U.S.: Ermittlungen gegen die I.G. Farben – Hrsg. Hans Magnus Enzensberger; Verlag Franz Greno, Nördlingen 1986 (Sonderband der Anderen Bibliothek); ISBN 3-891-900-198; S.270ff.