
Dass der Zusammenschluss 1925 trotz bestehender Kartellregulierungsgesetze genehmigt wurde, zeigt schon, dass die I.G. eine politische Größe darstellte. Der damalige Außenminister Stresemann lobte sie 1927 mit den Worten "Welche Trümpfe habe ich denn auszuspielen außer Ihnen, der I.G., und den Kohleleuten?". In der Tat stellte die I.G. einen politischen Aktivposten der Regierung dar, da sie in vielen internationalen Kartellen eine beherrschende Stellung innehatte. Da sie so die Ziele der Regierung unterstützen half, war es nur logisch, dass die I.G. einen starken Einfluss auf deren Politik hatte.
Da Deutschland hohe Reparationskosten zu tragen hatte, war es darauf angewiesen, dass seine Wirtschaft die internationale Wettbewerbsfähigkeit zurückgewann. Weil aber immer mehr Länder dazu übergingen ihre eigene Industrie durch Schutzzölle zu protegieren, war man gezwungen, weitaus billiger als die ausländischen Konkurrenten zu produzieren. Diese Bestrebungen mündeten in eine starke Rationalisierungsbewegung. An den Staat stellte man folgende Forderungen: "Die staatlichen Zwangseinwirkungen auf die Gestaltung der Lohn- und Arbeitsbedingungen sind zu beseitigen. Senkung der öffentlichen Ausgaben und Steuern ..."[41]
Auch das Ausland verlangte von Deutschland eine Einsparungspolitik; so heißt es in einer Stellungsnahme eines Reparationsagenten: "M. E. müssen wir darauf hinaus, dass die Reichsregierung in einem Notgesetz eine schärfere Beeinflussung (...) der Länder- und Gemeindefinanzen erhält; wenn das abgelehnt wird, muss der Reichstag aufgelöst werden und eine neue Regierung kommen."[42] Diese antidemokratische Haltung war auch bei den Industrievertretern vorherrschend, die einen "starken Staat" forderten, der ohne Rücksicht auf Mehrheiten unpopuläre Schritte wie Lohnkürzungen vornehmen und die protestierenden Arbeiter niederhalten sollte.
So waren auch die Ziele der I.G. Lohnkürzungen, Streikverbot und Ausdehnung der Arbeitszeit. Jedoch wollte sie diese nicht wie breite Wirtschaftskreise per Gesetz verwirklichen lassen, sondern sie strebte, um die Arbeiterschaft nicht noch mehr zu radikalisieren, eine stufenweise Entwicklung an. Die Vorgehensweise wird charakterisiert durch das Schlagwort vom Werksgemeinschaftsgedanken. So hieß es in einem Artikel des Vereins zur Wahrung der Interessen der chemischen Industrie (s.u.), dass man keine Maßnahmen der Brachialgewalt (z. B. Polizeieinsätze gegen Streikende) vornehmen, sondern auf eine geistige Umstellung bei den Gewerkschaften hinarbeiten solle.
Sozialpolitik
Den Arbeitsfrieden suchte man durch eine eigene Sozialpolitik zu sichern, was sich als äußerst wirksam erwies. Waren am Mitteldeutschen Aufstand 1921 auch Leuna-Arbeiter beteiligt[43], so gab es von 1926 bis 1929 in der gesamten Chemie-Industrie nur 24 Streiks und eine Aussperrung, wovon jeweils weniger als 100 Arbeiter betroffen waren.[44]
dass die I.G. im Vergleich zum Montanbereich von Streiks weniger betroffen war, hatte verschiedene Gründe. Zum einen konnten bei der I.G. dank ihrer guten Geschäftslage materielle Forderungen der Arbeiter durch außertarifliche Zulagen relativ leicht befriedigt werden.[45] Überdies machten in der kapitalintensiven chemischen Industrie die Lohnkosten nur 20-25% der gesamten Produktionskosten aus, so dass ein größerer Spielraum für Lohnverhandlungen bestand.[46]
Auch die Beschäftigungsstruktur der I.G. trug zur Entradikalisierung bei. Zum einen hatte sie 1929 mit mehr als 20% die höchste Angestelltenquote der Industrie, und zum anderen gab es (anders als z.B. in der Metallindustrie) keine typischen Chemie-Facharbeiter mit langen Ausbildungszeiten (wie etwa Dreher usw.). Man unterschied nur zwischen vier Kategorien von Arbeitskräften: den "billigen" ungelernten, den angelernten, den weiblichen Arbeitskräften und den fachlich gelernten Arbeitern, d. h. Handwerkern, die vor allem Reparatur- und Wartungsaufgaben hatten.[47] Die hohe Fluktuation, die vom 1.1.1926 bis 1.10.1929 bei 72.000 ArbeiterInnen lag, d. h. bei einem nahezu kompletten Wechsel der Belegschaft, belegt jedoch das schlechte Arbeitsklima in den I.G.-Betrieben.
Als es mit der Wirtschaftskrise zu Lohnsenkungen und Entlassungen kam und auch der von Boul wegen der Massenarbeitslosigkeit aufgegriffene Gedanke einer Arbeitszeitverkürzung zu nichts führte, nahm die Zahl der Streiks wieder vehement zu, und die Forderungen nach staatlichen Zwangsmaßnahmen zur Disziplinierung der Arbeiterschaft wurden in I.G.-Kreisen wieder laut.
Es bestand die Möglichkeit, zur Wahrung der Konzerninteressen Leute aus den eigenen Reihen im Parlament, in Parteien und sogar im Ministeramt zu etablieren. So hatte die I.G. in allen wichtigen bürgerlichen Parteien ihre Verbindungsleute. Sie zusammen bildeten den so genannten Kalle-Kreis, bestehend aus folgenden Parlamentariern: Wilhelm Kalle (Verwaltungsratsmitglied der I.G.) und Paul Moldenhauer (Aufsichtsratsmitglied) für die Deutsche Volkspartei, Hermann Hummel (Aufsichtsratsmitglied) für die Deutsche Demokratische Partei, Clemens Jammer (Aufsichtsratsmitglied) für das Zentrum und Haßlacher (Direktor der von der I.G. kontrollierten Rheinischen Stahlwerke AG) für die Deutsch-Nationale Volkspartei.
Überdies war Moldenhauer ab Dezember 1929 mehrere Monate Finanzminister und der Agrarexperte der I.G., Herrmann Warmbold, sogar längere Zeit Wirtschaftsminister ab Oktober 1931. Jedoch stand für Regierungsämter nur die "2. Garnitur" der I.G.-Spitze zur Verfügung. Hermann Schmitz, der Finanz- und Wirtschaftsberater Brünings war, wollte trotz mehrmaligen Bittens kein Ministerium übernehmen. dass der Reichsfinanzminister H. Dietrich nach seiner Amtsniederlegung den lukrativen Posten des stellvertretenden Geschäftsführers des "Vereins zur Wahrung der Interessen der chemischen Industrie" erhielt, zeigt wie I.G.-freundlich seine Amtsführung war.
Das "System Duisberg", d. h. die Einflussnahme durch wenige führende I.G.-Vertreter im Kalle-Kreis wurde gegen Ende der Weltwirtschaftskrise durch das "System Ilgner" abgelöst, d. h. durch eine Zentralstelle in Berlin für die Koordinierung der Beeinflussung. Der I.G. Berlin NW 7 unterstanden die Direktoriums-, Verwaltungs- und die Juristische Abteilung sowie das Büro des Kaufmännischen Ausschusses, die Pressestelle, die bedeutsame Zentralfinanzverwaltung (Zefi) und die hier näher erläuterte Wirtschaftspolitische (Wipo) und Volkswirtschaftliche Abteilung (Vowi).
Die Vowi betrieb Absatzforschung; zu diesem Zweck erstellte sie sehr breit angelegte Statistiken, die alle nationalen und internationalen Wirtschaftsvorgänge erfaßten. Ihre Expose's wurden in verschiedenen Ministerien sehr geschätzt, so griff z. B. die Wirtschaftsabteilung des Auswärtigen Amtes nicht auf das statistische Reichsamt sondern auf die Vowi zurück.[48] Schon durch die übermittelten Daten bestand so die Möglichkeit, politische Entscheidungen zu beeinflussen. Unter den Nazis leistete diese Abteilung Spitzeldienste in aller Welt.
Im Zusammenhang wichtiger ist die Wipo, die ab September 1932 unter Dr. Gattineau als direkte Koordinierungsstelle für alle Verbindungen zu Berliner Behörden eingerichtet wurde. Sie unterstand direkt dem Zentralausschuss der I.G., bereitete u. a. Besprechungen von I.G.-Vertretern mit staatlichen Stellen vor und nahm Einfluss auf die Gesetzgebung. Im 3. Reich nahm sie die amtlichen Bewirtschaftungsbefehle entgegen.
Neben diesen firmeninternen Gremien zeigte die I.G. rege Verbandsaktivitäten, um ihre Interessen gegenüber staatlichen Stellen darzulegen und durchzusetzen. Im Verein zur Wahrung der Interessen der chemischen Industrie ('Chemieverein') dominierte die I.G. eindeutig. Duisberg, der auch ansonsten die politischen Aktivitäten koordinierte, war von 1919 bis 1924 und Bosch ab 1927 Vorsitzender. Der einflussreiche geschäftsführende Vorsitzende stammte zwar nicht aus der I.G., jedoch bezog er sein Gehalt überwiegend von ihr, wie auch die I.G. mit ihrem Mitgliedsbeitrag den 'Chemieverein' erst zu einer agilen Interessenvertretung machte.
Der 'Chemieverein' war dem Reichsverband der deutschen Industrie (RDI) angeschlossen, deren geschäftsführende Präsidialmitglieder stets aus dem Kreis der obersten Ministerialbürokratie stammten, womit gute Kontakte zur Regierung hergestellt waren. Ihm stand ein großer Mitarbeiterstab und eine Vielzahl von Abteilungen und Sonderausschüssen zur Verfügung. Überdies besaß er einen geheimen Industriefonds zur Parteienfinanzierung. Seit seiner Gründung 1919 war der Einfluss der I.G. in ihm stets gewachsen, so dass Duisberg 1924 zum RDI-Vorsitzenden gewählt wurde und dieses Amt bis 1931 innehatte, wonach es dann Krupp übernahm. Duisberg selbst lobte den RDI, dass seine Vielseitigkeit und Geschlossenheit von keinem anderen deutschen Berufsverband erreicht werde.[49] Er führte den 'parlamentarischen Beirat' ein, dem alle RDI-Mitglieder mit Parlamentssitz sowie industrienahe Reichstagsmitglieder angehörten. In der RDI-Denkschrift 'Aufstieg oder Niedergang' vom 2.12.1929 heißt es: "Wenn es nicht gelingt die Wirtschafts-, Finanz- und Sozialpolitik zu ändern, dann ist der Niedergang der deutschen Wirtschaft besiegelt."[50] Im RDI herrschte trotz divergierender Interessen Einigkeit bei allgemeinen wirtschafts- und sozialpolitischen Fragen, da die Gewerkschaften und die Arbeiterparteien das gemeinsame Feindbild darstellten.
Zusammenfassend ergaben sich für die Einflussnahme der I.G. drei Ebenen. Einmal über eigene Abteilungen und Abgeordnete aus der Führungsspitze, dann über den 'Chemieverein' und schließlich über den RDI. Auf allen Ebenen fand sowohl eine direkte Einflussnahme auf Regierung und Parlament, als auch eine Manipulation der öffentlichen Meinung statt. Auch die persönlichen Beziehungen zu Staatsvertretern erwiesen sich oft als hilfreich.
Pressepolitik der I.G.
1926 wurde in Berlin eine zentrale Pressestelle gegründet, die persönliche Kontakte zu in- und ausländischen Redaktionen aufnahm. Demgegenüber besaß die I.G. nicht wie Vertreter der Schwerindustrie (Hugenberg) eine eigene Zeitung. Als jedoch die zur Weltpresse zählende Frankfurter Zeitung (FZ) in finanzielle Schwierigkeiten geriet, gewährte die I.G. Zuschüsse, ohne die redaktionelle Linie festzulegen.
Als die I.G. wegen einer Artikelserie über den zum Proletariat absinkenden Angestelltenstand zu intervenieren suchte, zeigte sich, dass das Kalle-Kreis-Mitglied Hummel, der zum Aufsichtsrat der FZ gehörte, nicht offen eingreifen wollte um seine Position nicht zu gefährden, auf der er zugunsten der I.G. Einfluss ausüben konnte. In der Weltwirtschaftskrise stiegen allerdings die Manipulationsmöglichkeiten der I.G. an der Berichterstattung. 1932 kam es zu Kontakten der I.G. mit Kreisen der Schwerindustrie, um u. a. aus der FZ einen Zeitungsverband zu schaffen, der die Tagesmeinung angesichts der erwarteten innenpolitischen Umwälzungen beeinflussen sollte.
Parteispenden
Bezeichnend ist Duisbergs Äußerung auf der Gründungsversammlung der 'Staatspolitischen Vereinigung'[51] 1926 in Berlin: "Mit Vernunft auf die Parteien einzuwirken habe ich aufgegeben! Alle Schwierigkeiten lassen sich überwinden durch planmäßige Beeinflussung."[52] In diesem Sinne erhielt die DDP jährlich 30.000 RM, das Zentrum 90.000 RM und die DVP sogar 200.000 RM. Ähnliche Summen wurden bei Reichstags- und Landtagswahlen gespendet.[53]
Einige Beispiele der I.G.-Einflussnahme
Nachdem wir nun die Zielvorstellungen der I.G., wie weiter Kreise der Wirtschaft und die Organe kennen gelernt haben, die ihr zu deren Durchsetzung zur Verfügung standen, soll nun an einigen konkreten Beispielen aufgezeigt werden, wie die I.G. ihre Interessen wahren konnte.
Die Regierung Brüning war bestrebt die Wirtschaft durch niedrige Steuern und Lohnkürzungen zu unterstützen, damit so möglichst viele Reparationsleistungen erbracht werden konnten, mit denen man die Gläubigerländer langfristig davon überzeugen wollte, dass die Schulden zu hoch waren und eine Revision des Versailler Vertrages stattfinden musste. Die I.G. teilte diesen Regierungskurs, daher übernahm das Verwaltungsratsmitglied Moldenhauer das Finanzministerium.
Da der Staat um die Steuern niedrig zu halten, auch seine Ausgaben vermindern musste, wurden zahlreiche Sparmaßnahmen ergriffen. Um die durch die steigende Zahl von Erwerbslosen geleerten Kassen zu füllen, votierte Moldenhauer für eine Erhöhung des Arbeitslosenversicherungssatzes. Die Vereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände drohte jedoch daraufhin mit dem Austritt, und auch der RDI übte Kritik an diesem Finanz- und Steuerprogramm. Hierauf rief Moldenhauer dessen Geschäftsführer an und teilte ihm mit, es sei unmöglich die Wünsche der Wirtschaft zu 100% durchzusetzen und er glaube, dass ihm dies doch zu 80% gelungen sei. Gegenüber Duisberg erwähnte er, dass er sich im Stich gelassen fühle.[54] Letztendlich führte dieses schroffe Vorgehen der Wirtschaftsverbände zum Bruch der großen Koalition. Brüning regierte nun am Reichstag vorbei durch Notverordnungen, die er vom Reichspräsidenten Hindenburg absegnen ließ.
Dieses Präsidialkabinett fand die Zustimmung der Wirtschaft. So meinte Kalle in einer Vorstandssitzung des RDI am 26.11.1930 "diese (...) heutige Regierung ist (...) eine Regierung mit diktatorischer Gewalt (...). Überdies hat sie den Willen, gegen den Staatssozialismus anzugehen (...). Deshalb haben wir meiner Meinung nach, wenn wir es gut mit uns selbst meinen, gar keinen anderen Weg als diesen, dieses Kabinett zu unterstützen."[55]
Da der Young-Plan, der die Weiterzahlung der deutschen Reparationen gewährleisten sollte, angenommen wurde - u. a. unterzeichnete ihn das geschäftsführende Präsidialmitglied des RDI - sah sich die Wirtschaft gezwungen noch billiger zu produzieren, um die Exporte erhöhen zu können. Deshalb wurden von der Regierung weitere Lohnniveausenkungen gefordert. Brüning stützte sich jedoch neben seiner Verantwortung gegenüber Hindenburg vor allem auf Zentrum und Sozialdemokraten, somit war er auch den Interessen der Arbeiter verpflichtet. Vor allem Kreise der Schwerindustrie forderten wegen ihrer schlechten Geschäftslage eine Abkehr von der langfristig angelegten Revisionspolitik Brünings.
Als es wegen des 'Schwarzen Freitags' dazu kam, dass kurzfristige US-amerikanische Kredite von Deutschland zurückgefordert wurden, entstand im Sommer 1931 die Bankenkrise, welche ihren Höhepunkt im Zusammenbruch der Darmstädter und Nationalbank (Danat) fand. Breite Industriekreise wandten sich von Brüning ab und nahmen Kontakte zur NSDAP auf, die I.G. jedoch blieb weiter eine Stütze der Regierung, die ja in ihrem Sinne agierte. So wurde am 8.12.1931 die 4. Notverordnung erlassen, die das Lohnniveau um 10% herabsetzte.
Das Engagement der I.G. für die Regierung zeigte sich deutlich bei der Reichspräsidentenwahl 1932. Brüning sprach sich für Hindenburg aus, um in alter Manier weiterregieren zu können, und Duisberg übernahm den Vorsitz des Kuratoriums der Hindenburgausschüsse. Seine Aufgabe war die Beschaffung von Geldmitteln und die Aufsicht über ihre Verwendung. Bei der Sammlung unter den Unternehmern spendete die I.G. mit 100.000 RM fast ein Drittel der Gesamtsumme, während die Vertreter der rheinisch-westfälischen Schwerindustrie keine Mittel zur Verfügung stellten. Als ein zweiter Wahlgang zwischen Hindenburg und Hitler notwendig wurde, kamen von der I.G. sogar 40% der Spenden, obwohl sie ihren Beitrag halbierte.[56]
Zusammenfassend kann man sagen, dass zwischen der Regierung Brüning und der I.G. eine 'Interessenharmonie' herrschte. Die I.G. war wegen ihrer Exporte vom internationalen Geschehen abhängig und Brüning den alliierten Siegermächten verpflichtet. Überdies besaß die I.G. eine so gute Wirtschaftslage, dass sie das langfristige Vorgehen der Regierung unterstützen konnte und sich dabei großen Einfluss sicherte. Wegen ihrer Omnipotenz unter Brüning sprach man schon von der 'I.G. Deutschland'.[57]
Doch innerhalb der I.G. forderte die 'Bosch-Fraktion' eine aktivere staatliche Wirtschaftspolitik, da die Inlandsnachfrage zu Zeiten der Weltwirtschaftskrise durch die Sparpolitik der Regierung stark zurückging. So verlangte Bosch schon 1931 im Chemieverein ein Arbeitsbeschaffungsprogramm, das u. a. den Autobahnbau forcieren sollte. 1932 wurden hier Forderungen nach einem 'großen deutschen Zehnjahresplan' laut.[58] Zur Konjunkturbelebung und Verbesserung der Sozialhygiene sollte ein Wohnungsbauprogramm für Arbeitersiedlungen gestartet werden. Der Plan schlug nationale Töne an um so den Opferwillen der Bevölkerung zu stärken und eine totale Mobilmachung des ganzen Volkes zu erreichen, die z. B. in einer Arbeitsdienstpflicht bestand. Zur Finanzierung dieses Programms sollte der Wagemann-Plan dienen. Prof. Wagemann war der Gründer des Instituts für Konjunkturforschung, Präsident des statistischen Reichsamts und ein guter Freund von H. Schmitz. Der Plan stellte eine Geld- und Kreditreform dar, die die Liquidität der Banken und Unternehmer erhöhen sollte. Seine Kernaussage war, dass ab dem Frühjahr 1933 eine Belebung der Wirtschaft stattfinden würde. Um diesen Aufschwung zu stabilisieren wären gleichsam im Vorgriff auf künftige Konjunkturverbesserungen Steuersenkungen nötig.
Von der Schwerindustrie als inflationär verworfen, wurde dieser Plan im Kabinett abgelehnt, jedoch von der Regierung Papen de facto umgesetzt. Die von ihr eingeführten Steuergutscheine, die es den Firmen ermöglichten ihre Steuern als Kredite bei 4%-Verzinsung einzubehalten, die Neueinstellungsprämien und eine Lockerung des Tarifzwangs wurden von Unternehmerseite begeistert aufgenommen. Hiermit war ihr Ziel einer Befreiung von 'Tariflohn- und Steuerfesseln'[59] bei Wahrung der unternehmerischen Dispositionsfreiheit erreicht.
Als dann unter Schleicher zu einer planwirtschaftlichen Führung des Reiches mit verstärkter Staatsnachfrage übergegangen werden sollte, sprach sich der RDI dagegen aus, das sog. Dereke-Programm kam wegen des baldigen Regierungswechsels nicht zur Anwendung.
Fasst man die wirtschaftspolitischen Aktivitäten der I.G. zusammen, so zeigt sich, dass die I.G. in allen Phasen der Weltwirtschaftskrise einen maßgeblichen Anteil an der Durchsetzung wirtschaftspolitischer Vorstellungen hatte. Anfangs eine Hauptstütze der Brüning-Regierung, trat sie nach Verschärfung der Wirtschaftskrise im Verlauf der Auswirkungen der Bankenkrise 1931 als prononcierter Befürworter einer aktiven Wirtschaftspolitik in zunehmenden Widerspruch zur Brüningschen Linie der Deflationspolitik, wobei sich eine gewisse Spaltung auch innerhalb der I.G. abzeichnete. Aufschlussreich ist nämlich, dass alle wesentlichen Impulse für eine Neuorientierung der Wirtschaftspolitik von Vertretern der Sparte I (Stickstoff/Benzin) ausgingen. Zu ihnen waren neben dem I.G.-Vorsitzenden Bosch vor allem der Finanzdirektor Hermann Schmitz, der I.G.-Agrarexperte Warmbold und Ilgner mit seinem Apparat Berlin NW 7 zu zählen. Nur aus dieser Gruppe fanden sich Vertreter im Beraterkreis Brünings, aus dessen Runde unter maßgeblicher Beteiligung der I.G. der anfangs gescheiterte, aber im Rahmen der Gesamtüberlegungen für eine neuorientierte Wirtschaftspolitik entscheidende Wagemann-Plan ausging.[60] Als Vertreter dieser I.G.-Interessen betrieb Warmbold seit Herbst 1931 als Wirtschaftsminister eine Änderung der Deflationspolitik und es ist wahrscheinlich, dass das Hauptinstrument des Papen-Kurses - die Steuergutscheine - von seinen Anregungen ausgingen. Neben der firmeneigenen Forschungsstelle 'Vowi' waren dabei sicher Wagemann und wahrscheinlich auch Lauterbach als damaliger Oberregierungsrat im Wirtschaftsministerium an diesen Arbeiten beteiligt. Dagegen behielt Duisberg als Vertreter der Sparte II (Farben/Pharma) seine reservierte Haltung gegen eine Neuorientierung der Wirtschaftspolitik bei.
[40] vgl. Schneckenburger, Arthur: Die Geschichte des I.G. Farben-Konzerns; Bedeutung und Rolle eines Großunternehmens – Pahl-Rugenstein: Köln 1988; ISBN 3-7609-5242-9; S.45-54. — Tammen, Helmuth: Die I.G. Farbenindustrie Aktiengesellschaft (1925-1933); ein Chemiekonzern in der Weimarer Republik – Helmuth Tammen: Berlin 1978; S.145-215.
[41] RDI Denkschrift, Dezember 1925 — zitiert nach Tammen, Helmuth: Die I.G. Farbenindustrie Aktiengesellschaft (1925-1933); ein Chemiekonzern in der Weimarer Republik – Helmuth Tammen: Berlin 1978; S.187.
[42] Tammen, Helmuth: Die I.G. Farbenindustrie Aktiengesellschaft (1925-1933); ein Chemiekonzern in der Weimarer Republik – Helmuth Tammen: Berlin 1978; S.188.
[43] Tammen, Helmuth: Die I.G. Farbenindustrie Aktiengesellschaft (1925-1933); ein Chemiekonzern in der Weimarer Republik – Helmuth Tammen: Berlin 1978; S.192.
[44] Tammen, Helmuth: Die I.G. Farbenindustrie Aktiengesellschaft (1925-1933); ein Chemiekonzern in der Weimarer Republik – Helmuth Tammen: Berlin 1978; S.193.
[45] Tammen, Helmuth: Die I.G. Farbenindustrie Aktiengesellschaft (1925-1933); ein Chemiekonzern in der Weimarer Republik – Helmuth Tammen: Berlin 1978; S.193.
[46] Tammen, Helmuth: Die I.G. Farbenindustrie Aktiengesellschaft (1925-1933); ein Chemiekonzern in der Weimarer Republik – Helmuth Tammen: Berlin 1978; S.195f.
[47] Tammen, Helmuth: Die I.G. Farbenindustrie Aktiengesellschaft (1925-1933); ein Chemiekonzern in der Weimarer Republik – Helmuth Tammen: Berlin 1978; S.195.
[48] Tammen, Helmuth: Die I.G. Farbenindustrie Aktiengesellschaft (1925-1933); ein Chemiekonzern in der Weimarer Republik – Helmuth Tammen: Berlin 1978; S.159.
[49] Tammen, Helmuth: Die I.G. Farbenindustrie Aktiengesellschaft (1925-1933); ein Chemiekonzern in der Weimarer Republik – Helmuth Tammen: Berlin 1978; S.166.
[50] Schneckenburger, Arthur: Die Geschichte des I.G. Farben-Konzerns; Bedeutung und Rolle eines Großunternehmens – Pahl-Rugenstein: Köln 1988; ISBN 3-7609-5242-9; S.50.
[51] Schneckenburger, Arthur: Die Geschichte des I.G. Farben-Konzerns; Bedeutung und Rolle eines Großunternehmens – Pahl-Rugenstein: Köln 1988; ISBN 3-7609-5242-9; S.46.
[52] Schneckenburger, Arthur: Die Geschichte des I.G. Farben-Konzerns; Bedeutung und Rolle eines Großunternehmens – Pahl-Rugenstein: Köln 1988; ISBN 3-7609-5242-9; S.46.
[53] Schneckenburger, Arthur: Die Geschichte des I.G. Farben-Konzerns; Bedeutung und Rolle eines Großunternehmens – Pahl-Rugenstein: Köln 1988; ISBN 3-7609-5242-9; S.47.
[54] Tammen, Helmuth: Die I.G. Farbenindustrie Aktiengesellschaft (1925-1933); ein Chemiekonzern in der Weimarer Republik – Helmuth Tammen: Berlin 1978; S.201f.
[55] Tammen, Helmuth: Die I.G. Farbenindustrie Aktiengesellschaft (1925-1933); ein Chemiekonzern in der Weimarer Republik – Helmuth Tammen: Berlin 1978; S.172.
[56] Tammen, Helmuth: Die I.G. Farbenindustrie Aktiengesellschaft (1925-1933); ein Chemiekonzern in der Weimarer Republik – Helmuth Tammen: Berlin 1978; S.180.
[57] Tammen, Helmuth: Die I.G. Farbenindustrie Aktiengesellschaft (1925-1933); ein Chemiekonzern in der Weimarer Republik – Helmuth Tammen: Berlin 1978; S.185.
[58] Tammen, Helmuth: Die I.G. Farbenindustrie Aktiengesellschaft (1925-1933); ein Chemiekonzern in der Weimarer Republik – Helmuth Tammen: Berlin 1978; S.206.
[59] Tammen, Helmuth: Die I.G. Farbenindustrie Aktiengesellschaft (1925-1933); ein Chemiekonzern in der Weimarer Republik – Helmuth Tammen: Berlin 1978; S.213.
[60] Tammen, Helmuth: Die I.G. Farbenindustrie Aktiengesellschaft (1925-1933); ein Chemiekonzern in der Weimarer Republik – Helmuth Tammen: Berlin 1978; S.214.