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3. 1933 - 1939: Die I.G. Farben und der NS-Staat

3.1 Rüstungsforschung und Auslandskontakte - I.G. Farben und Standard Oil Development Company

Das am ehrgeizigsten verfolgte Unternehmen der I.G. war ein Projekt, dem Carl Boschs größtes Interesse galt, und das ihn entscheidend darin bestärkt hatte, hartnäckig den Zusammenschluss der I.G.-Gesellschaften zu einem einzigen Monopol zu betreiben. Da Deutschland über keine nennenswerten Ölquellen verfügte, war es während des I. Weltkrieges von der britischen Flotte besiegt worden. Bosch sollte für das Öl wiederholen, was er schon für den Ammoniak getan hatte: mit Hilfe der Hochdruckchemie sollte er die Kohlevorräte Deutschlands in Benzin verwandeln und Deutschland aus seiner Abhängigkeit von ausländischen Ölquellen befreien.
1924 gab es in Deutschland Anzeichen für einen steigenden Treibstoffbedarf. Man entwarf - gegen die Bestimmungen des Friedensvertrags von Versailles - die heimliche Wiederaufrüstung der Armee. Für diese mit 63 Divisionen geplante Armee benötigte man eine sichere Treibstoffquelle. Die industrialisierten Länder standen vor der Frage, ob die Reserven und Entdeckung neuer Erdölvorkommen mit dem wachsenden Bedarf Schritt halten würden. Alle Fachleute sagten eine schnelle Erschöpfung aller Ölreserven voraus. Um sein Projekt voranzutreiben, wollte Bosch die Rechte des Bergius-Verfahrens zur Hochdruck-Umwandlung von Kohle in Öl im Labormaßstab erwerben. Alle bisherigen Versuche, eine Nutzung dieses Verfahrens im industriellen Maßstab zu erreichen, waren gescheitert. Nur die vereinte finanzielle Kraft der I.G. konnte ein Projekt dieser Größenordnung tragen. Bosch bestand deshalb darauf, dass sein persönlicher Finanzberater Hermann Schmitz den Posten des Finanzdirektors der I.G. bekam. Schmitz kaufte 1925 im Namen der I.G. Farbenindustrie AG. die Rechte auf das Bergius-Patent.[79]

Obwohl Bosch geplant hatte, die Entwicklung des Ölsyntheseprojektes durch die I.G. finanzieren zu lassen, zog er auch eine Kooperation mit der amerikanischen Gesellschaft Standard Oil Development Company für die weltweite Nutzung des Verfahrens in Betracht. Über ihre riesige Finanzkraft hinaus besaß die Standard Oil eine hervorragend ausgerüstete Forschungs- und Entwicklungsabteilung. Sie war die führende Firma der amerikanischen Ölindustrie und hatte schon seit Anfang der zwanziger Jahre nach Alternativen zum Rohöl gesucht. Im Frühjahr 1925 schickte Bosch mehrere leitende Angestellte der BASF nach New York zu Frank A. Howard, dem Chef der Standard Oil Development Company, um das Interesse der amerikanischen Firma zu erkunden. Walter C. Teagle, der Präsident der Firma, fand es zur Sicherheit von Standard Oil notwendig, mit der I.G. zusammenzuarbeiten. Teagle und Howard schlugen Bosch ein Abkommen zur gemeinsamen Entwicklung und Perfektionierung des Verfahrens vor, aus dem schließlich ein Gemeinschaftsprojekt zur Hydrierung von Rohöl wurde. In Louisiana sollte eine Fabrik errichtet werden, Standard erhielt die Verwertungsrechte für die Vereinigten Staaten und eine fünzigprozentige Beteiligung an Einnahmen aus der Lizenzvergabe an Dritte.[80] Die in Deutschland errichtete riesige Anlage nach dem Bergius-Prinzip, die Bosch direkt neben der Haber-Bosch-Anlage in Leuna hatte bauen lassen, litt allerdings unter ständigen Betriebsausfällen und technischen Problemen.
Die Ausgaben hatten alle Erwartungen übertroffen. Bosch bot daraufhin im August 1928 der Standard Oil die weltweiten Rechte für das Bergius-Verfahren an, um die I.G. aus ihren finanziellen Schwierigkeiten zu retten und das Projekt weiterführen zu können. Nur die Rechte für den deutschen Markt sollten bei der I.G. bleiben. Die deutsche Regierung hätte diesen Verkauf eines militärisch und wirtschaftlich bedeutenden Verfahrens nie gestattet, weshalb die I.G. die Transaktion auch verheimlichte.
Zur Ausführung des Abkommens gründeten beide Unternehmen gemeinsam die Standard-I.G.-Company mit Sitz in den Vereinigten Staaten. Diese Gesellschaft gehörte zu 80% der Standard und zu 20% der I.G. Dadurch sicherte sich die I.G. eine Beteiligung an allen zukünftigen Erfolgen. Die weltweiten Rechte mit Ausnahme Deutschlands wurden dieser Firma übertragen und die I.G. erhielt im Gegenzug Standard-Aktien im Wert von 35 Millionen Reichsmark.[81]
Bosch versuchte zudem, das Interesse der Standard an der Herstellung des synthetischen Kautschuks Buna, den die I.G. zu nicht konkurrenzfähigen Preisen in ihren Laboratorien aus Kohle herstellten, zu wecken. Mit Hilfe Carl Krauchs wurde 1930 die 'Joint American Study Company (Jasco)' gegründet, die zu je 50% der I.G. und der Standard gehörte. Ihr Geschäftszweck war die Erprobung und Lizenzierung von Verfahren der Petrochemie, die aus den Forschungsprogrammen der beiden Teilhaber stammten.[82]
Die Verbindung zwischen der I.G. und der Standard war kaum geschlossen, da erhielt sie schon die ersten schweren Schläge. Die Weltwirtschaftskrise und die Entdeckung riesiger Ölvorkommen in Texas ließen die Ölpreise drastisch stürzen und vernichteten die Hoffnung der Standard auf eine sofortige weltweite Entwicklung der Ölherstellung aus Kohle. Der Kautschuk vollzog noch einen gewaltigeren Sturz. "Bis zum Beginn des 2. Weltkrieges schlief das Interesse der Standard an einer Entwicklung des künstlichen Kautschuks und es bedurfte des arabischen Ölboykottes im Jahre 1974, um ihr Interesses an der Ölgewinnung aus Kohle wieder zu erwecken."[83]


[79] Borkin, Joseph: Die unheilige Allianz der I.G. Farben; eine Interessengemeinschaft im Dritten Reich – Campus Verlag: Frankfurt/Main, New York 1979, 1990 (Bd. 1030); S. 49.
[80] Borkin, Joseph: Die unheilige Allianz der I.G. Farben; eine Interessengemeinschaft im Dritten Reich – Campus Verlag: Frankfurt/Main, New York 1979, 1990 (Bd. 1030); S. 52.
[81] Borkin, Joseph: Die unheilige Allianz der I.G. Farben; eine Interessengemeinschaft im Dritten Reich – Campus Verlag: Frankfurt/Main, New York 1979, 1990 (Bd. 1030); S. 53f.
[82] Borkin, Joseph: Die unheilige Allianz der I.G. Farben; eine Interessengemeinschaft im Dritten Reich – Campus Verlag: Frankfurt/Main, New York 1979, 1990 (Bd. 1030); S. 54.
[83] Borkin, Joseph: Die unheilige Allianz der I.G. Farben; eine Interessengemeinschaft im Dritten Reich – Campus Verlag: Frankfurt/Main, New York 1979, 1990 (Bd. 1030); S. 54.

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