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4. 1939 - 1945: Die I.G. Farben im II. Weltkrieg

4.3 Medizinische Experimente 'im Dienste der Menschheit'?


Tor zum Konzentrationslager Buchenwald
(Finn, Gerhard: Buchenwald 1936-1950; Geschichte eines Lagers – Westkreuz-Verlag: Berlin, Bonn, Bad Münstereifel, 2. Auflage 1988, 3-922131-61-1, S.7.)

Am 29. Dezember 1941 wurde im Block 46 des Konzentrationslagers Buchenwald eine Fleckfieberstation der SS eingerichtet. Während des Zweiten Weltkrieges fanden dort medizinische Experimente an Häftlingen statt, um langwierige pharmakologische Untersuchungen zu vermeiden. Die meisten Opfer starben unter großen Qualen oder wurden anschließend als unliebsame Mitwisser liquidiert.[244],[245] Einer Aufstellung des Roten Kreuzes zufolge dienten die Experimente zur Erprobung der Wirksamkeit von Fleckfieberimpfstoffen, Ruhrimpfstoffen, Fleckfieber- und Typhustherapeutika, Salben gegen Phosphor-Kautschuk-Brandwunden; zur Untersuchung der Verträglichkeit von Impfstoffen gegen Pocken, Typhus, Paratyphus A und B, Cholera, Fleckfieber, Diphtherie und Gelbfieber; als Versuchsfeld für Sexualhormone, Blutplasma, Gifte, Hungerödeme (Avitaminose), Fleckfieber-Rekonvaleszenten-Serum sowie zur Kontrolle von Blutserumkonserven. Heute wissen wir, dass auch diese Aufstellung noch nicht vollständig ist.[246]
"F...Nr.284, G...Nr.286, K...Nr.291" stand auf den Versuchsprotokollen, die in den Laboratorien des I.G. Farben-Konzerns eingingen, anstelle von Namen. "Bei der Behringwerke AG, der Hoechst AG oder bei Bayer befasste man sich nicht mit der Auswahl der Opfer, nicht mit der Beobachtung ihres langen Siechtums und auch nicht mit der Beseitigung ihrer Leichen. Für die Schmutzarbeit gab es genügend ehrgeizige SS-Verbrecher, die die Versuchsreagenzien entgegennahmen, in Konzentrationslagern erprobten und akkurat ausgefüllte, anonyme Ergebnisprotokolle lieferten."[247]
Diese Versuche an Häftlingen, zumeist dilettantisch durchgeführt und für die Wissenschaft bedeutungslos, müssen als Verbrechen gegen die Menschlichkeit angesehen werden.

4.3.1 Bayer Leverkusen, Behringwerke Marburg

Die Geschäfte entwickelten sich gut im Zuge der Kriegsvorbereitungen 1938, die Bayer-Arzneimittel feierten ihr 50jähriges Jubiläum. Das Bayer-Kreuz war in diesen 50 Jahren zum Symbol ununterbrochenen wirtschaftlichen Aufstiegs geworden, zum Symbol, das der gesamten pharmazeutischen Abteilung der I.G. Farben den Namen gab.[248]
Die Verkaufsgemeinschaft Pharmazeutika 'Bayer', Dental 'Bayer', Pflanzenschutz 'Bayer', Sera- und Vet. Med. Produkte 'E. v.Behring' hatte ihren Sitz beim I.G.-Werk Leverkusen. Sie wurde von Wilhelm Mann, Vorstandsmitglied der I.G. Farben und späterem Reichswirtschaftsrichter, geleitet. Stellvertreter Wilhelm Manns für die wissenschaftliche Abteilung (W) war Direktor Krebs. Die wissenschaftliche Zentralstelle (W I), die Abteilung für Tropenmedizin (W II), die Prüfungsstelle neuer Produkte (W III), Abteilung Literatur und Ausbildung (W IV) sowie die Abteilung für Reklamation und konkurrierende Präparate (W V) leitete Anton Mertens, nach 1945 verantwortlicher Direktor der Farbfabriken Bayer AG. Von diesen Abteilungen war es die wissenschaftliche Abteilung W II (Tropenmedizin), die in besonderem Maße in Konzentrationslagern experimentierte. Für die Prüfung und wissenschaftliche Vorbereitung der Tropenpräparate dieser Abteilung war Dr. Karl König verantwortlich.[249]
Am 16. August 1929 übernahm die I.G. die Behringwerke.[250] Im Sera- und Impfstoffgeschäft konnte die I.G. dadurch bedeutende Fortschritte erzielen. Die Kriegsvorbereitungen und der Krieg brachten eine beträchtliche Erweiterung der Werke mit sich, und die I.G. drängte sich mit den Behringwerken an die vorderste Position der Sera- und Impfstoffproduktion.[251]
Wie der gesamte I.G. Farben-Konzern, so realisierten auch die Pharmaproduzenten ihren Profit in enger Verflechtung mit dem Staat. Auch sie projizierten schon 'Gesamtabsprachen für die ganze Welt' unter Führung der I.G..[252]
Aufsichtsrat der Behringwerke war Ende der 30er und in den 40er Jahren Heinrich Hörlein. Im Aufsichtsrat saß u. a. Prof. Carl Lautenschläger, im Vorstand Wilhelm Mann. Alle waren ebenso Vorstandsmitglieder der I.G. Farben. Das 'Verzeichnis der zeichnungsberechtigten Herren' der I.G. vom Dezember 1938 nennt als 'Führer' des Betriebes Dr. Albert Demnitz.[253]

In den pharmazeutischen und sero-bakteriologischen Laboratorien der I.G.-Farben begann schon Anfang der 30er Jahre die Umstellung auf Kriegsaufgaben. Bei den Behringwerken experimentierte zum Beispiel Dr. Albert Demnitz mit den Toxinen der Fraenkel-, Pararauschbrand- und Novybazillen, um ein Serum gegen Fraenkel-Toxin und ein Komplexserum gegen alle drei Toxine zu erhalten.[254] Diese Toxine waren die Ursache für den Gasbrand, eine typische Kriegsinfektion, die im I. Weltkrieg zahlreiche Opfer gefordert hatte.[255]
1939 entstand die Hygienisch-Bakteriologische Untersuchungsstelle der SS. Aus ihr ging ein Jahr später, 1940, das Hygiene-Institut der Waffen-SS hervor. Als Bestandteil des Sanitätswesens der SS unterstand es dem SS-Führungshauptamt. Leiter des Hygiene-Instituts der Waffen-SS war Dr. med. Joachim Mrugowsky.[256]

Als zentrale staatliche Forschungsstätte für Infektionskrankheiten im Gebiet des Deutschen Reiches ging aus dem preußischen 'Institut Robert Koch' Anfang 1942 das 'Robert-Koch-Institut, Reichsanstalt zur Bekämpfung übertragbarer Krankheiten' hervor. Es stand unter der Leitung von Prof. Gildemeister.[257] Die serobakteriologischen Forschungs- und Produktionsstätten der I.G. standen in ständiger Konkurrenz mit dem Robert-Koch-Institut.[258]

4.3.2 Fleckfieberstation im Konzentrationslager Buchenwald

Das dritte Kriegsjahr hatte nicht so begonnen, wie es die Pläne der faschistischen Führung vorsahen. Die deutschen Truppen hatten polnische und sowjetische Städte geplündert und zerstört, Dörfer niedergebrannt und Ernten vernichtet. Die Zivilbevölkerung der besetzten Gebiete litt unter Hunger, Elend und der Willkür der Besatzer. Teile der Bevölkerung waren in Ghettos zusammengepfercht worden. Seuchen brachen aus, insbesondere Fleckfieber und Ruhr, und drohten auf das deutsche Heer überzugreifen.
Impfstoffe standen nur in geringen Mengen zur Verfügung. Sie waren so knapp, dass der Reichsminister des Innern Anfang Januar 1942 Anweisungen traf, bis auf weiteres ausschließlich Ärzte in fleckfieberverseuchten Gebieten zu impfen.[259]
Galt bis dahin das Prinzip, sowjetische Kriegsgefangene verhungern oder an Seuchen zugrunde gehen zu lassen, sie zu erschlagen, zu erhängen, zu erschießen, so zwang die Umstellung von Blitzkriegen auf eine langwierige Kriegsführung dazu, die Arbeitskraft jedes Kriegsgefangenen bis zum Letzten auszubeuten. Der Chef des Oberkommandos der Wehrmacht wies am 24. Dezember 1941 alle Stellen an, die Zuführung sowjetischer Kriegsgefangener zur Rüstungsindustrie, d.h. die Verbesserung der Fleckfiebergefahr als 'vordringlichste Aufgabe' zu behandeln.[260]

Die I.G.-Pharmaproduzenten standen bereit, denn es lag auf der Hand, zu wie großen Einnahmen das Monopol auf einen Massenimpfstoff gegen Fleckfieber führen konnte. Am 29. Dezember 1941 fanden in Berlin zwei Sitzungen des Innenministeriums statt, an denen auch Prof. Gildemeister vom Robert-Koch-Institut und Dr. Albert Demnitz von den I.G.-Behringwerken Marburg/Lahn teilnahmen. Man legte unter anderem fest, das der neu entwickelte Fleckfieberimpfstoff der Behringwerke in einem Versuch auf seine Wirksamkeit geprüft werden sollte. Zu diesem Zweck sollte Dr. Demnitz Verbindung zum Leiter des Hygiene-Institutes der Waffen-SS SS-Standartenführer Dr. Mrugowsky aufnehmen.[261] Im Umfeld der beiden Sitzungen fanden direkte Gespräche zwischen Demnitz und Mrugowsky statt, in deren Verlauf genauere Vorstellungen über die Impfstoffexperimente, die im KZ Buchenwald stattfinden sollten, besprochen wurden.[262]
Noch am gleichen Tag wurde im KZ Buchenwald in Block 49 (später zusätzlich Block 44 und zuletzt im eigens dafür neu gebauten Block 46) eine Fleckfieberstation eingerichtet. Die Leitung für die Versuchsstation übernahm Lagerarzt SS-Hauptsturmbannführer Dr. med. Erwin Oskar Ding-Schuler. In seiner Abwesenheit führte der Lagerarzt SS-Obersturmbannführer Dr. med. Waldemar Hoven die Geschäfte. Das Innere des Blocks 46 unterschied sich vom übrigen Lager. Alles sollte steril und sauber sein. Der massive Steinblock wurde mit einem Stacheldrahtzaun vom übrigen Lager getrennt und seine Fenster undurchsichtig gemacht. Zutritt zum Block hatten außer den Opfern nur wenige.[263]
Bereits bei Vorversuchen zur künstlichen Infektion mit Fleckfieber starb einer der ersten zehn Versuchshäftlinge. Weitere 135 vorwiegend jüdische Häftlinge erhielten im Januar 1942 Testimpfungen mit Impfstoffen der Behringwerke und des Robert-Koch-Instituts.[264] Dr. Demnitz zeigte ein ganz offensichtliches Interesse, die Versuche auszuweiten und zu forcieren.[265]
In einem 'Situationsbericht' teilte SS-Standortarzt Dr. Hoven am 1. April 1942 seinem Chef beim SS-Wirtschaftsverwaltungshauptamt mit, dass bei einer Versuchsreihe für die Behringwerke bei den Versuchspersonen nach einsetzender Entfieberung noch Herzmuskelschwäche, Muskelreißen, Gliederschwere, Ohrensausen und Nasenbluten auftraten. Insgesamt seien von zehn Personen fünf gestorben, zwei an den Qualen und dem beträchtlichen Gewichtsverlust, drei als ungeimpfte 'Kontrollpersonen'.[266]
Bei den Fleckfieberversuchen erfolgte eine laufende Nummerierung der Krankenblätter. Dieser Nummerierung folgend waren bis Januar 1945 988 Häftlinge an den Fleckfieberversuchen beteiligt.[267] Sogar am 29. März 1945, knapp zwei Wochen vor der Selbstbefreiung der Häftlinge, wurden noch Versuche durchgeführt.[268]

Zwischen Januar und Mai 1943 fanden im KZ Buchenwald neben Fleckfieberversuchen auch Verträglichkeitsprüfungen für Gelbfieberimpfstoffe der Behringwerke Marburg/Lahn und des Robert-Koch-Instituts Berlin statt. Aufgrund der Niederlage der deutschen Truppen in Nordafrika war das Geschäft mit dem Impfstoff gegen das nur in diesen Breiten vorkommende Gelbfieber beendet.[269]

Überliefert sind drei Seiten einer Zusammenstellung über Folgeerscheinungen des im April 1943 begonnenen Fleckfiebertherapieversuches. Die Versuchstherapeutika lieferte die Chemisch-Pharmazeutische und Sero-Bakteriologische Abteilung Hoechst der I.G. Farben. 39 Häftlinge wurden mit schwerem Fleckfieber infiziert und sollten mit den I.G.-Produkten probeweise "behandelt" werden. Die noch im Versuchsstadium befindlichen Präparate versagten vollständig und 21 Häftlinge starben unter entsetzlichen Qualen. Peinlich genau sind auf Seite 3 des vom 1. Juni 1943 datierten Protokolls die Elemente ihres völligen gesundheitlichen Zusammenbruches seziert. Demnach "wurden folgende Beobachtungen gemacht:

in30Fällengerötetes Gesicht
in37Fällengedunsenes Gesicht
in39FällenBindehautentzündung
in9FällenSchüttelfrost
in38FällenKopfschmerzen
in39FällenExanthem (krankhafte Hautveränderung)
in38FällenExanthem hämorragisch
in33FällenGelbfärbung der Hände
in1FallUnterhautphlegmone über dem Kehlkopf
in8FällenOhrensausen
in11FällenSchwerhörigkeit
in16Fällengeschwollene Zunge
in6FällenNasenbluten
in4FällenSprachstörungen
in4FällenOhnmachtsanfälle
in39FällenSchlaflosigkeit
in10FällenMuskelzuckungen
in16FällenMuskelschmerzen
in2FällenKrämpfe
in10FällenHändezittern
in2FällenLähmungserscheinungen
in3FällenExophthalmus (Vordrängen des Augapfels mit Bewegungseinschränkung)
in10FällenBenommenheit
in9FällenApathie
in36FällenDelirien
in2Fällenkatatonischer Stupor (geistig-körperliche Erstarrung)
in1FallGangrän eines Unterschenkels (fressendes Geschwür)
in39FällenMilzvergrößerung
in14FällenMilzdruckschmerzhaftigkeit
in35FällenSubicterus (Gelbsucht)
in2FällenErbrechen (Kontrolle)
in15FällenVerstopfung
in12FällenDurchfall
in1FallDarmbluten
in13FällenLuftröhrenkatarrh
in15FällenBronchitis
in1FallBronchopneumonie (Lungenentzündung)
in1FallNierenbeckenentzündung und Harnröhrenentzündung
in1FallNierenentzündung
in2FällenKreuzschmerzen
in17FällenGliederschmerzen
in5FällenGefühllosigkeit der Extremitäten

Außerdem wurden folgende Nachkrankheiten beobachtet:

in1FallNesselausschlag
in3FällenDekubitalgeschwüre (Wundliegen)
in3FällenFurunkulose
in1FallParotitis
in7FällenSchweißausbrüche
in5FällenNachfieber
in15FällenAtaxie (Störung der Bewegungskoordination)
in3FällenSchwindelgefühl

Während der Krankheit ließen

36Patienten Urin und
11Patienten Stuhl unter sich

Die Sterblichkeit betrug

bei der Kontrolle55,5%
bei Akridin-Granulat53,3%
bei Rutenol53,3%"
(Schneider, Ulrich/Stein, Harry: I.G. Farben; Abt. Behringwerke, Marburg; KZ Buchenwald, Menschenversuche; ein dokumentarischer Bericht – Brüder Grimm Verlag: Kassel 1986; Hochschulschriften 242, 3-925010-03-3, S.31f.)

 


Begleitschreiben der I.G. Farben zur Lieferung eines Fleckfieber-Impfstoffes, der an Häftlingen der KZ Buchenwald erprobt werden sollte.
(Schneider, Ulrich/Stein, Harry: I.G. Farben; Abt. Behringwerke, Marburg; KZ Buchenwald, Menschenversuche; ein dokumentarischer Bericht – Brüder Grimm Verlag: Kassel 1986; Hochschulschriften 242, 3-925010-03-3.)
 

'Gasbrand' ist eine nach schwerer Gewebszertrümmerung in Wunden auftretende sehr gefährliche und mit Gasbildung im Gewebe einhergehende Infektion durch Gasbrandbazillen. Auf Betreiben der Behringwerke AG Marburg/Lahn erfolgte vom November 1943 bis Januar 1944 an Häftlingen des KZ Buchenwald ein Verträglichkeitstest von Fraenkel-Serum gegen diese Infektion.[270]

4.3.3 Weitere "wissenschaftliche Experimente"

Fleckfieberpräparat B-1034 der Firma Bayer -
verwendet zu Häftlingsversuchen
(Auschwitz, faschistisches Vernichtungslager – Polska Agencja Interpress: Warschau, 2. Auflage 1981; 83-223-1913-4.)

Auch in anderen Konzentrationslagern wurden Experimente durchgeführt, maßgeblich war I.G.-Angestellter SS-Hauptsturmbannführer Dr. med. Helmuth Vetter, der in mehreren KZs stationiert war, im Auftrag der Bayer Leverkusen daran beteiligt.[271] Zur gleichen Zeit wie Dr. Joseph Mengele experimentierte er in Auschwitz mit Arzneimitteln, die die Bezeichnungen "B-1012", "B-1034", "3382" oder "Rutenol" trugen. Die Versuchspräparate wurden nicht nur kranken, sondern auch gesunden Häftlingen, die zu diesem Zweck besonders infiziert wurden, in Form von Tabletten, Granulaten, Spritzen oder Klistieren verabreicht. Manche Arzneimittel verursachten bei den Opfern Erbrechen und blutigen Durchfall, in den meisten Fällen verursachten diese Experimente den Tod der Häftlinge.[272]
In den Akten von Auschwitz befindet sich ein Briefwechsel des Lagerkommandanten mit Bayer Leverkusen über den Verkauf von 150 weiblichen Häftlingen zu Versuchszwecken: "Bezüglich des Vorhabens von Experimenten mit einem neuen Schlafmittel würden wir es begrüßen, wenn Sie uns eine Anzahl Frauen zur Verfügung stellen würden (...)" - "Wir erhielten Ihre Antwort, jedoch erscheint uns der Preis von 200RM pro Frau zu hoch. Wir schlagen vor, nicht mehr als 170RM pro Kopf zu zahlen. Wenn Ihnen das annehmbar erscheint, werden wir Besitz von den Frauen ergreifen. Wir brauchen ungefähr 150 Frauen (...)" - "Wir bestätigen Ihr Einverständnis. Bereiten Sie für uns 150 Frauen in bestmöglichstem Gesundheitszustand vor (...)" - "Erhielten den Auftrag für 150 Frauen. Trotz ihres abgezehrten Zustands wurden sie als zufriedenstellend befunden. Wir werden Sie bezüglich der Entwicklung der Experimente auf dem laufenden halten (...)" - "Die Versuche wurden gemacht. Alle Personen starben. Wir werden uns bezüglich einer neuen Sendung bald mit Ihnen in Verbindung setzen (...)."[273]
Ein ehemaliger Häftling aus Auschwitz sagte aus: "Im Block Nr.20 war ein großer Saal mit Tuberkulösen. Die Bayer-Fabriken schickten ein Medikament in Ampullen ohne irgendwelche Bezeichnung. Man gab den Tuberkulösen entsprechende Spritzen. Diese Unglücklichen wurden niemals vergast. Man wartete auf ihren Tod, der sehr rasch eintrat. (...) 150 jüdische Frauen, die von Bayer der Lagerverwaltung von Auschwitz abgekauft worden waren, (...) dienten Experimenten mit unbekannten Hormonpräparaten."[274]
Parallel zu den Versuchen der Behringwerke und Bayer Leverkusen startete die Chemisch-Pharmazeutische und Sero-Bakteriologische Abteilung Hoechst im Konzentrationslager Auschwitz Häftlingsversuche mit ihrem neuen "Fleckfieberpräparat 3582".[275] Die erste Versuchsreihe endete jedoch wenig befriedigend. Von den 50 Versuchshäftlingen starben 15; das Fleckfieberpräparat führte zu Erbrechen und Entkräftung.[276] Eine Quarantäne im KZ Auschwitz führte zur Ausdehnung der Versuche auf das KZ Buchenwald. Im Tagebuch der 'Abteilung für Fleckfieber- und Virusforschung des KZ Buchenwald' hießt es unter dem Datum vom 10. Januar 1943:
"Auf Anregung der I.G. Farbenindustrie A.G. werden als Fleckfiebertherapeuticum geprüft:
a) Präparat 3582 "Akridin" der Chem. Pharm. u. Sero-Bakt. Abteilung in Ffm. - Höchst - Prof. Lautenschläger und Dr. Weber - (Therapieversuch A)
b) Methylenblau, im Mäuseversuch erprobt von Prof. Kiekuth, Elberfeld (Therapieversuch M)."
[277]


Versuche mit I.G.-Präparaten führten meist zum Tod der Häftlinge. Die Überlebenden blieben Krüppel auf Lebenszeit
(Auschwitz, faschistisches Vernichtungslager – Polska Agencja Interpress: Warschau, 2. Auflage 1981; 83-223-1913-4.)
Diese erste und auch eine zweite Therapieversuchsreihe in Buchenwald vom 31. März bis 11. April 1943 verliefen infolge ungenügender Infektion der Versuchshäftlinge negativ. Auch bei den Versuchen in Auschwitz konnten sie keine deutlichen Erfolge verbuchen.[278]

Der wissenschaftliche Wert all dieser, wenn auch nicht immer durch die I.G. veranlassten Versuche war faktisch gleich Null. Die Versuchspersonen befanden sich in gesundheitlich stark angegriffenem Zustand, bedingt durch Zwangsarbeit, Unter- bzw. Fehlernährung und Krankheiten im Konzentrationslager. Hinzu kamen die allgemein schlechten sanitären Bedingungen im Umfeld der Laboratorien. "Die Versuchsergebnisse in Konzentrationslagern, das musste den Spezialisten in den Laboratorien der I.G. bekannt sein, waren nicht vergleichbar mit Ergebnissen unter normalen Bedingungen."[279]

Der SS-Arzt Dr. Hoven sagte vor dem Nürnberger Tribunal dazu aus: "Es dürfte allgemein und insbesondere in deutschen wissenschaftlichen Kreisen bekannt gewesen sein, dass die SS über nennenswerte Wissenschaftler nicht verfügte. Es ist offensichtlich, dass es sich bei den in den Konzentrationslagern mit I.G.-Präparaten durchgeführten Versuchen nur um das Interesse der I.G. handelte, die mit allen Mitteln bestrebt war, die Wirksamkeit ihrer Präparate festzustellen bzw. die - ich möchte sagen - Schmutzarbeit in Konzentrationslagern durch die SS machen zu lassen. Die I.G. war darauf bedacht, diese Tatsache nach außen hin nicht in Erscheinung treten zu lassen, sondern die näheren Umstände ihrer Versuche zu verschleiern, um aber dann (...) den Gewinn daraus für sich zu ziehen. Nicht die SS, sondern die I.G. hatte die Initiative bei diesen Versuchen in den KZ."[280]

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[244] Finn, Gerhard: Buchenwald 1936-1950; Geschichte eines Lagers – Westkreuz-Verlag: Berlin, Bonn, Bad Münstereifel, 2. Auflage 1988, 3-922131-61-1, S.14.
[245] Ritscher, Bode: Buchenwald; Rundgang durch die nationale Mahn- und Gedenkstätte – Druckerei Fortschritt: Erfurt 1986, S.14.
[246] Archiv der NMG Buchenwald 30-VIII/42, Aufstellung über die dem Internationalen Suchdienst bekannten Versuche im KL Buchenwald. aus: Schneider, Ulrich/Stein, Harry: I.G. Farben; Abt. Behringwerke, Marburg; KZ Buchenwald, Menschenversuche; ein dokumentarischer Bericht – Brüder Grimm Verlag: Kassel 1986; Hochschulschriften 242, 3-925010-03-3.
[247] Schneider, Ulrich/Stein, Harry: I.G. Farben; Abt. Behringwerke, Marburg; KZ Buchenwald, Menschenversuche; ein dokumentarischer Bericht – Brüder Grimm Verlag: Kassel 1986; Hochschulschriften 242, 3-925010-03-3, S.6.
[248] Schneider, Ulrich/Stein, Harry: I.G. Farben; Abt. Behringwerke, Marburg; KZ Buchenwald, Menschenversuche; ein dokumentarischer Bericht – Brüder Grimm Verlag: Kassel 1986; Hochschulschriften 242, 3-925010-03-3, S.8.
[249] Betriebsarchiv des VEB Filmfabrik Wolfen A 1804. aus: Schneider, Ulrich/Stein, Harry: I.G. Farben; Abt. Behringwerke, Marburg; KZ Buchenwald, Menschenversuche; ein dokumentarischer Bericht – Brüder Grimm Verlag: Kassel 1986; Hochschulschriften 242, 3-925010-03-3. (vgl. Radandt, H.: Fall 6. Ausgewählte Dokumente und Urteil des I.G. Farben-Prozesses – Berlin, 1970)
[250] Betriebsarchiv des VEB Filmfabrik Wolfen A 5423. aus: Schneider, Ulrich/Stein, Harry: I.G. Farben; Abt. Behringwerke, Marburg; KZ Buchenwald, Menschenversuche; ein dokumentarischer Bericht – Brüder Grimm Verlag: Kassel 1986; Hochschulschriften 242, 3-925010-03-3.
[251] vgl. Schmidt, H.: Emil von Behring und seine Bedeutung für die pharmazeutische Industrie, in: Die Welt dankt Behring – Berlin-Grunewald, 1943. aus: Schneider, Ulrich/Stein, Harry: I.G. Farben; Abt. Behringwerke, Marburg; KZ Buchenwald, Menschenversuche; ein dokumentarischer Bericht – Brüder Grimm Verlag: Kassel 1986; Hochschulschriften 242, 3-925010-03-3.
[252] Schneider, Ulrich/Stein, Harry: I.G. Farben; Abt. Behringwerke, Marburg; KZ Buchenwald, Menschenversuche; ein dokumentarischer Bericht – Brüder Grimm Verlag: Kassel 1986; Hochschulschriften 242, 3-925010-03-3, S.13.
[253] vgl. Betriebsarchiv des VEB Filmfabrik Wolfen A 50/4. aus: Schneider, Ulrich/Stein, Harry: I.G. Farben; Abt. Behringwerke, Marburg; KZ Buchenwald, Menschenversuche; ein dokumentarischer Bericht – Brüder Grimm Verlag: Kassel 1986; Hochschulschriften 242, 3-925010-03-3.
[254] vgl. Schmidt, H.: Grundlagen der spezifischen Therapie und Prophylaxe bakterieller Infektionskrankheiten – Berlin, 1940, S.840. in: Archiv der NMG Buchenwald 32-XII, Bd.13, Bl.123. aus: Schneider, Ulrich/Stein, Harry: I.G. Farben; Abt. Behringwerke, Marburg; KZ Buchenwald, Menschenversuche; ein dokumentarischer Bericht – Brüder Grimm Verlag: Kassel 1986; Hochschulschriften 242, 3-925010-03-3.
[255] Schneider, Ulrich/Stein, Harry: I.G. Farben; Abt. Behringwerke, Marburg; KZ Buchenwald, Menschenversuche; ein dokumentarischer Bericht – Brüder Grimm Verlag: Kassel 1986; Hochschulschriften 242, 3-925010-03-3, S.15.
[256] zum Werdegang und zur Verantwortung Mrugowskys vgl. Zentrales Staatsarchiv Potsdam, Film Nr.53214, Bl.140ff. aus: Schneider, Ulrich/Stein, Harry: I.G. Farben; Abt. Behringwerke, Marburg; KZ Buchenwald, Menschenversuche; ein dokumentarischer Bericht – Brüder Grimm Verlag: Kassel 1986; Hochschulschriften 242, 3-925010-03-3.
[257] vgl. "Pharmazeutische Zentralhalle", 1942/17, S.204. aus: Schneider, Ulrich/Stein, Harry: I.G. Farben; Abt. Behringwerke, Marburg; KZ Buchenwald, Menschenversuche; ein dokumentarischer Bericht – Brüder Grimm Verlag: Kassel 1986; Hochschulschriften 242, 3-925010-03-3.
[258] Schneider, Ulrich/Stein, Harry: I.G. Farben; Abt. Behringwerke, Marburg; KZ Buchenwald, Menschenversuche; ein dokumentarischer Bericht – Brüder Grimm Verlag: Kassel 1986; Hochschulschriften 242, 3-925010-03-3, S.16.
[259] vgl. Staatsarchiv Weimar, Thüringisches Innenministerium, E1472-1473. aus: Schneider, Ulrich/Stein, Harry: I.G. Farben; Abt. Behringwerke, Marburg; KZ Buchenwald, Menschenversuche; ein dokumentarischer Bericht – Brüder Grimm Verlag: Kassel 1986; Hochschulschriften 242, 3-925010-03-3, S.6.
[260] vgl. Staatsarchiv Weimar, Thüringisches Innenministerium, E1472-1473. aus: Schneider, Ulrich/Stein, Harry: I.G. Farben; Abt. Behringwerke, Marburg; KZ Buchenwald, Menschenversuche; ein dokumentarischer Bericht – Brüder Grimm Verlag: Kassel 1986; Hochschulschriften 242, 3-925010-03-3, S.6.
[261] Zentrales Staatsarchiv Potsdam, Film Nr.53214, Bl.60ff. aus: Schneider, Ulrich/Stein, Harry: I.G. Farben; Abt. Behringwerke, Marburg; KZ Buchenwald, Menschenversuche; ein dokumentarischer Bericht – Brüder Grimm Verlag: Kassel 1986; Hochschulschriften 242, 3-925010-03-3.
[262] vgl. Buchenwald; Mahnung und Verpflichtung; Dokumente und Berichte – Berlin 1960, S.188f.
[263] M. Ciepielowski/R. Waitz: Fleckfieberversuche im KZ Buchenwald. In: Unmenschliche Medizin Anthologie, Bd.1, T.2, Warschau, S.158f. aus: Schneider, Ulrich/Stein, Harry: I.G. Farben; Abt. Behringwerke, Marburg; KZ Buchenwald, Menschenversuche; ein dokumentarischer Bericht – Brüder Grimm Verlag: Kassel 1986; Hochschulschriften 242, 3-925010-03-3.
[264] Archiv der NMG Buchenwald 30-VII/44, Tagebuch der Abteilung für Fleckfieber- und Virusforschung am Hygiene-Institut der Waffen-SS. aus: Schneider, Ulrich/Stein, Harry: I.G. Farben; Abt. Behringwerke, Marburg; KZ Buchenwald, Menschenversuche; ein dokumentarischer Bericht – Brüder Grimm Verlag: Kassel 1986; Hochschulschriften 242, 3-925010-03-3.
[265] Zentrales Staatsarchiv Potsdam, Film Nr.40304, Bl.10255. aus: Schneider, Ulrich/Stein, Harry: I.G. Farben; Abt. Behringwerke, Marburg; KZ Buchenwald, Menschenversuche; ein dokumentarischer Bericht – Brüder Grimm Verlag: Kassel 1986; Hochschulschriften 242, 3-925010-03-3.
[266] Diese und weitere Beobachtungen und Versuchsreihen siehe Schneider, Ulrich/Stein, Harry: I.G. Farben; Abt. Behringwerke, Marburg; KZ Buchenwald, Menschenversuche; ein dokumentarischer Bericht – Brüder Grimm Verlag: Kassel 1986; Hochschulschriften 242, 3-925010-03-3, S.24, S.26f, S.31f.
[267] Archiv der NMG Buchenwald Material A.Dietzsch. aus: Schneider, Ulrich/Stein, Harry: I.G. Farben; Abt. Behringwerke, Marburg; KZ Buchenwald, Menschenversuche; ein dokumentarischer Bericht – Brüder Grimm Verlag: Kassel 1986; Hochschulschriften 242, 3-925010-03-3.
[268] National Archives and Records Service, 1976, Record Group 153, Records of the Judge Advocate General (Army), U.S.Josias Prince zu Waldeck et al. War Crimes Case Nr. 12-390 (The Buchenwald-Case), Film Nr.7. aus: Schneider, Ulrich/Stein, Harry: I.G. Farben; Abt. Behringwerke, Marburg; KZ Buchenwald, Menschenversuche; ein dokumentarischer Bericht – Brüder Grimm Verlag: Kassel 1986; Hochschulschriften 242, 3-925010-03-3.
[269] Archiv der NMG Buchenwald 30-VII/44, Bl.9, Tagebuch der Abteilung für Fleckfieber- und Virusforschung am Hygiene-Institut der Waffen-SS. und Schneider, Ulrich/Stein, Harry: I.G. Farben; Abt. Behringwerke, Marburg; KZ Buchenwald, Menschenversuche; ein dokumentarischer Bericht – Brüder Grimm Verlag: Kassel 1986; Hochschulschriften 242, 3-925010-03-3, S.36-37.
[270] Archiv der NMG Buchenwald 30-VII/44, Bl.19, Tagebuch der Abteilung für Fleckfieber- und Virusforschung am Hygiene-Institut der Waffen-SS. aus: Schneider, Ulrich/Stein, Harry: I.G. Farben; Abt. Behringwerke, Marburg; KZ Buchenwald, Menschenversuche; ein dokumentarischer Bericht – Brüder Grimm Verlag: Kassel 1986; Hochschulschriften 242, 3-925010-03-3.
[271] Schneckenburger, Arthur: Die Geschichte des I.G. Farben-Konzerns; Bedeutung und Rolle eines Großunternehmens – Pahl-Rugenstein: Köln 1988; ISBN 3-7609-5242-9; S.110. — Arbeitsgruppe der ehemaligen Häftlinge (Hrsg.), I.G. Farben, Auschwitz, Experimente. In: Dokumente zum 2. Auschwitz-Prozess, Berlin 1965, S.36ff, S.61.
[272] Auschwitz, faschistisches Vernichtungslager – Polska Agencja Interpress: Warschau, 2. Auflage 1981; 83-223-1913-4, S.139.
[273] zitiert nach Köhler, Otto: Die Geschichte einer bürgerlichen Vereinigung; I.G. Farben. In: KONKRET Nr. 9/1982 EXTRA.
[274] zitiert nach Französisches Büro des Informationsdienstes für Kriegsverbrechen: Konzentrationslager Dokument F321 für den Internationalen Gerichtshof Nürnberg – Zweitausendeins: Frankfurt/Main, 1. Auflage 1978/2. Aufl. 1991. (Originaltitel: Camps de Concentration. Crimes contre la Personne Humaine; Office Francais d'Édition, Paris 1945), S. 139-140, Augenzeugenberichte ehemaliger KZ-Häftlinge.
[275] Schneider, Ulrich/Stein, Harry: I.G. Farben; Abt. Behringwerke, Marburg; KZ Buchenwald, Menschenversuche; ein dokumentarischer Bericht – Brüder Grimm Verlag: Kassel 1986; Hochschulschriften 242, 3-925010-03-3, S.52.
[276] Schneider, Ulrich/Stein, Harry: I.G. Farben; Abt. Behringwerke, Marburg; KZ Buchenwald, Menschenversuche; ein dokumentarischer Bericht – Brüder Grimm Verlag: Kassel 1986; Hochschulschriften 242, 3-925010-03-3, S.52.
[277] Archiv der NMG Buchenwald 30-VII/44, Bl.8, Tagebuch der Abteilung für Fleckfieber- und Virusforschung am Hygiene-Institut der Waffen-SS. zitiert nach: Schneider, Ulrich/Stein, Harry: I.G. Farben; Abt. Behringwerke, Marburg; KZ Buchenwald, Menschenversuche; ein dokumentarischer Bericht – Brüder Grimm Verlag: Kassel 1986; Hochschulschriften 242, 3-925010-03-3, S.52.
[278] Schneider, Ulrich/Stein, Harry: I.G. Farben; Abt. Behringwerke, Marburg; KZ Buchenwald, Menschenversuche; ein dokumentarischer Bericht – Brüder Grimm Verlag: Kassel 1986; Hochschulschriften 242, 3-925010-03-3, S.52-53.
[279] Schneider, Ulrich/Stein, Harry: I.G. Farben; Abt. Behringwerke, Marburg; KZ Buchenwald, Menschenversuche; ein dokumentarischer Bericht – Brüder Grimm Verlag: Kassel 1986; Hochschulschriften 242, 3-925010-03-3, S.28.
[280] zitiert nach Schneider, Ulrich/Stein, Harry: I.G. Farben; Abt. Behringwerke, Marburg; KZ Buchenwald, Menschenversuche; ein dokumentarischer Bericht – Brüder Grimm Verlag: Kassel 1986; Hochschulschriften 242, 3-925010-03-3, S.28.