[
⇐ zurück] [
vor ⇒]
7. Die I.G. Farben und ihre Nachfolger bis heute
7.1 Karrieren von I.G. Farben-Managern in der Nachkriegszeit
Wie bereits im fünften Kapitel (Nürnberger Prozesse und Entflechtung) erwähnt, hatte der I.G. Farben-Kriegsverbrecherprozess vor dem Hintergrund des beginnenden Kalten Krieges für die meisten Mitglieder der I.G.-Führung mit Freisprüchen geendet. Selbst die wenigen I.G.-Manager, die wegen 'Plünderung' und 'Versklavung' zu Haftstrafen bis zu acht Jahren verurteilt worden waren, mussten nur einen Bruchteil ihrer Strafen absitzen. Bereits Ende 1951 wurden im Rahmen einer umfassenden Amnestie alle als Kriegsverbrecher verurteilten Industriellen, unter ihnen auch die I.G. Farben-Direktoren, begnadigt und aus der Haft entlassen.
Ganz im allgemeinen politischen Klima der Restauration verliefen dann ihre weiteren Karrieren. Innerhalb kürzester Frist waren die Führungsetagen der I.G.-Nachfolger wieder besetzt mit dem alten I.G.-Führungspersonal (auch wenn dafür hier und da zwecks Wahrung einer Schamfrist zunächst nur "weniger belastete" Mitglieder der "zweiten Führungsebene" herangezogen wurden). Ein - wie auch immer geartetes - "Schuldgefühl" kam dabei nie auf. Otto Ambros, verantwortlich für Planung und Betrieb der I.G. Auschwitz und in Nürnberg zu 8 Jahren Haft wegen 'Versklavung' verurteilt, antwortete 1982 einem Reporter des 'San Francisco Chronicle' auf die Frage, was er denn im Krieg getan habe: "Das ist doch schon so lange her. Es hatte mit Juden zu tun. Wir denken darüber nicht mehr nach."[455]
Auch all die anderen, deren Namen in den vorangegangenen Kapiteln Erwähnung fanden, nahmen - wie bereits erwähnt - in Nachkriegsdeutschland (West) schnell wieder ihre macht- und einflussreichen Positionen ein, wie die folgende (nicht vollständige) Auflistung belegt.[456]
Carl Krauch (1887-1968):
- im I.G. Farben-Vorstand 1926-1940, Aufsichtsratsvorsitzender 1940-1945, Leiter der Vermittlungsstelle W (siehe Kap. 3), Leiter des Reichsamtes für Wirtschaftsausbau, Generalbevollmächtigter für Sonderfragen der chemischen Erzeugung, Wehrwirtschaftsführer
- 1943 Ritterkreuz des Kriegsverdienstkreuzes
- 1948 wegen 'Versklavung' zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt, 1950 vorzeitig entlassen
- 1955 Aufsichtsratsmitglied der Buna-Werke Hüls GmbH
- im Frankfurter Auschwitz-Prozess von 1965 als Zeuge aufgetreten mit der Aussage: "Das waren meist asoziale Elemente, so politische Häftlinge"[457] (über die KZ-Häftlinge in Auschwitz-Monowitz)
Fritz ter Meer (1884-1967):
- im I.G. Farben-Vorstand 1926-1945, Mitglied des Arbeitsausschusses und des Technischen Ausschusses, Leiter der Sparte II
- 1943 Generalbevollmächtigter für Italien des Reichsministers für Rüstung und Kriegsproduktion, Wehrwirtschaftsführer
- oberster I.G.-Verantwortlicher für das Buna-Werk Auschwitz - "Den Häftlingen ist dadurch kein besonderes Leid zugefügt worden, da man sie ohnedies getötet hätte."[458]
- 1948 wegen 'Plünderung' und 'Versklavung' zu sieben Jahren Haft verurteilt, 1952 entlassen
- 1955 Aufsichtsratsmitglied bei BAYER
- 1956-1964 Aufsichtsratsvorsitzender von BAYER
- Aufsichtsratsvorsitzender der Th. Goldschmidt AG, stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender der Commerzbank-Bankverein AG, im Aufsichtsrat der Waggonfabrik Uerdingen, der Düsseldorfer Waggonfabrik AG, der Bankverein Westdeutschland AG und der Vereinigte Industrieunternehmungen AG (VIAG)
Hermann Schmitz (1881-1960):
- im I.G. Farben-Vorstand 1926-1935, Vorstandsvorsitzender 1935-1945, 'Finanzchef' der I.G.,
- Wehrwirtschaftsführer, Mitglied des Reichstages (NSDAP)
- 1941 Kriegsverdienstkreuz 1. Klasse
- 1948 wegen 'Plünderung' zu vier Jahren Gefängnis verurteilt, 1950 vorzeitig entlassen
- 1952 Aufsichtsratsmitglied der Deutschen Bank Berlin-West
- 1956 Ehrenvorsitzender des Aufsichtsrats der Rheinischen Stahlwerke
Fritz Gajewski (1888-1962):
- im I.G. Farben-Vorstand 1931-1945, Leiter der Sparte III (Verbindungsstelle zur Dynamit Nobel), Mitglied des Südosteuropa-Ausschusses, Wehrwirtschaftsführer
- im Nürnberger Prozess in allen Anklagepunkten für "nicht schuldig" erklärt[459]
- 1949 Geschäftsführer, 1952 Vorstandsvorsitzender der Dynamit Nobel AG
- 1953 Großes Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland
- 1957 Ruhestand, Vorsitzender, später Ehrenvorsitzender des Aufsichtsrats der Dynamit Nobel AG, Aufsichtsratsvorsitzender von Genschow&Co. und der Chemie-Verwaltungs-AG, Aufsichtsratsmitglied der Chemischen Werke Hüls AG und der Gelsenkirchener Bergwerke
Heinrich Bütefisch (1894-1969):
- im I.G. Farben-Vorstand 1934-1945, stellvertretender Leiter der Sparte I, Leiter der Benzinsynthese der I.G. Auschwitz
- führte 1932 (zusammen mit Gattineau) das Gespräch mit Hitler, das den Benzinpakt begründete, 1936 Mitarbeiter von Krauch beim Vierjahresplan als Produktionsbeauftragter für Öl im Rüstungsministerium
- SS-Obersturmbannführer, Wehrwirtschaftsführer, Mitglied des 'Freundeskreis Reichsführer SS'
- 1948 wegen 'Versklavung' zu sechs Jahren Haft verurteilt, 1951 entlassen
- 1952 Aufsichtsratsmitglied der Ruhr-Chemie, Kohle-Öl-Chemie u.a.
- 1964 Großes Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland, nach heftigen Protesten wurde die Verleihung 16 Tage später wieder zurückgenommen
Friedrich Jähne (1879-1965):
- im I.G. Farben-Vorstand 1934-1945, Chefingenieur der I.G., stellvertretender Leiter der BG Mittelrhein/Maingau
- 1943 Wehrwirtschaftsführer, Kriegsverdienstkreuz 1. Klasse
- 1948 wegen 'Plünderung' zu 18 Monaten Gefängnis verurteilt
- 1955 Aufsichtsratsmitglied der "neuen" Farbwerke Hoechst, im gleichen Jahr zum Aufsichtsratsvorsitzenden gewählt - der Hoechst-Vorstandsvorsitzende Karl Winnacker, noch von ter Meer für diese Aufgabe vorbereitet, sagte hierzu: "Inzwischen war das Liquidationsschlußgesetz ergangen und hatte uns von allen diskriminierenden Bestimmungen aus der Entflechtungszeit befreit. So konnten wir der Hauptversammlung Friedrich Jähne, den Chefingenieur der alten I.G. für den Aufsichtsrat vorschlagen. Er übernahm in diesem Gremium den Vorsitz, und zwar bis zum Jahr 1963. Niemand von uns hätte 1945 gedacht, dass wir beide noch einmal zu einer solchen Zusammenarbeit an der Spitze unseres Unternehmens kommen würden."[460]
- Aufsichtsratsvorsitzender der Alfred Messer GmbH (später Messer-Griesheim), Aufsichtsratsmitglied bei Linde's
- 1959 Dr.-Ing. E.h. der TH München, 1962 Bayrischer Verdienstorden, Ehrensenator der TH München, Großes Verdienstkreuz mit Stern des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland
Otto Ambros (geb. 1901):
- im I.G. Farben-Vorstand 1938-1945, Mitglied des Chemikalien-Ausschusses und Vorsitzender der Kommission K (Kampfstoffe), Sonderberater von Krauchs F+E-Abteilung für den Vierjahresplan, Leiter des Sonderausschusses C (Chemische Kampfstoffe) des Hauptausschusses für Pulver und Sprengstoffe im Rüstungsamt, Wehrwirtschaftsführer
- verantwortlich für Standortwahl, Planung, Bau und Leitung der I.G. Auschwitz als Betriebs- bzw. Geschäftsführer des Buna-Werks und der Treibstoffproduktion
- 1945 Ritterkreuz des Kriegsverdienstkreuzes
- 1948 wegen 'Versklavung' zu acht Jahren Haft verurteilt, 1952 vorzeitig wieder entlassen
- ab 1954 Vorsitzender, stellvertretender Vorsitzender, Mitglied der Aufsichtsräte von: Chemie Grünenthal, Pintsch Bamag AG, Knoll AG, Feldmühle Papier- und Zellstoffwerke, Telefunken GmbH, Grünzweig&Hartmann, Internationale Galalithgesellschaft, Berliner Handelsgesellschaft, Süddeutsche Kalkstickstoffwerke, Vereinigte Industrieunternehmungen AG (VIAG), Bergwerksgesellschaft Hibernia mit ihren Tochtergesellschaften Scholven-Chemie und Phenol-Chemie
- als Berater von F.K.Flick und des US-Industriellen J.P.Grace mitverwickelt in den 'Flick-Skandal' Mitte der 80er Jahre
Carl Wurster (1900-1974):
- im I.G. Farben-Vorstand 1938-1945, Leiter der BG Oberrhein, Aufsichtsratsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Schädlingsbekämpfung (DEGESCH)
- Wehrwirtschaftsführer und Mitglied des Wehrwirtschaftsrates der Reichswirtschaftskammer
- 1945 Ritterkreuz des Kriegsverdienstkreuzes
- im Nürnberger Prozess in allen Anklagepunkten für "nicht schuldig" erklärt[461]
- 1952 Vorstandsvorsitzender der "neuen" BASF[462], Aufsichtsratsvorsitzender der Duisburger Kupferhütte und der Robert Bosch AG, Aufsichtsratsmitglied der Auguste Victoria, der Buna-Werke Hüls GmbH, der Süddeutschen Bank, der Deutschen Bank, der Vereinigten Glanzstoff, der BBC, der Allianz, der Degussa u.v.a., 1965 Ruhestand und Aufsichtsratsvorsitzender der BASF
- 1952 Honorarprofessor der Universität Heidelberg, Dr. rer. nat. h.c. der Universität Tübingen, 1953 Dr.-Ing. E.h. der TH München, 1955 Großes Verdienstkreuz mit Stern des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland, Bayrischer Verdienstorden, 1960 Dr. rer. pol. h.c. der Universität Mannheim, Ehrensenator der Universitäten Mainz, Karlsruhe und Tübingen, Ehrenbürger der Universität Stuttgart, Ehrenbürger der Stadt Ludwigshafen, 1967 Schiller-Preis der Stadt Mannheim[463], Präsident des Verbandes der Chemischen Industrie, Vizepräsident der Max-Planck-Gesellschaft, der Gesellschaft Deutscher Chemiker u.v.m.
[
⇐ zurück] [
vor ⇒]
[
455]
Hilberg, Raul:
Die Vernichtung der europäischen Juden. Berlin : 1982; S.739. zitiert nach:
Köhler, Otto:
... und heute die ganze Welt; Die Geschichte der I.G. Farben und ihrer Väter. Rasch und Röhrig Verlag : Hamburg, Zürich 1986; ISBN 3-89438-010-1; S.170.
[
456] Daten entnommen aus
Köhler, Otto: Die Geschichte einer bürgerlichen Vereinigung; I.G. Farben. In:
KONKRET Nr. 9/1982 EXTRA, sowie aus dem Buch
Heine, Jens Ulrich:
Verstand und Schicksal; Die Männer der I.G. Farbenindustrie A.G. (1925-1945) in 161 Kurzbiographien. Verlag Chemie : Weinheim, New York, Basel, Cambridge 1990; ISBN 3-527-28144-4. Abgesehen vom reinen Datenmaterial handelt es sich allerdings bei letzterem Werk um Rechtfertigungspropaganda. Es erscheint bedenklich, dass der renommierte Verlag Chemie noch 1990 ein Buch herausgibt, in dem unter anderem zu lesen ist:
"Die Tragik der ehemaligen IG-Farben-Persönlichkeiten war und ist es jedoch nicht, vom feindlichen Ausland verleumdet, gedemütigt und durch ein Siegertribunal verurteilt worden zu sein, sondern ähnliches im eigenen Land - vor allem durch die Nachkriegsgeneration - erfahren zu müssen."
[
457]
Köhler, Otto: Die Geschichte einer bürgerlichen Vereinigung; I.G. Farben. In:
KONKRET Nr. 9/1982 EXTRA.
[
458]
Sasuly, Richard:
IG Farben. Berlin : 1952; S.148. zitiert nach
Köhler, Otto:
... und heute die ganze Welt; Die Geschichte der I.G. Farben und ihrer Väter – Rasch und Röhrig Verlag: Hamburg, Zürich 1986; ISBN 3-89438-010-1; S.170.
[
459] Gajewski führte vor dem Tribunal zu seiner Entlastung die Befreiung seines jüdischen Vorstandskollegen Gerhard Ollendorff aus Gestapo-Haft an, wobei sich im Kreuzverhör jedoch herausstellte, dass er Ollendorff zuvor selbst denunziert hatte – vgl.
Borkin, Joseph:
Die unheilige Allianz der I.G. Farben; eine Interessengemeinschaft im Dritten Reich. Frankfurt/Main, New York : Campus Verlag, 1979, 1990 (Bd. 1030) - ISBN: 3-593-34251-0; Reihe Campus; S.133f.
[
460]
Köhler, Otto: Die Geschichte einer bürgerlichen Vereinigung; I.G. Farben. In:
KONKRET Nr. 9/1982 EXTRA.
[
461] Bezüglich des Anklagepunkts "Versklavung und Tötung der Zivilbevölkerung, Kriegsgefangenen und KZ-Insassen" zog sich Wurster (wie die übrigen Aufsichtsratsmitgleder der DEGESCH) darauf zurück, vom wahren Verwendungszweck der riesigen an die SS verkauften Mengen Zyklon B nichts gewusst zu haben.
[
462] Unter seiner Leitung wurde in den 60er Jahren der Beschluss gefasst, auf dem Werksgelände der BASF - explosionsgefährdet und mitten in einem Ballungszentrum von einer halben Million EinwohnerInnen gelegen - ein Atomkraftwerk zu errichten. Noch 1974 versuchte der Wurster-Nachfolger Bernhard Timm die Genehmigung für dieses Projekt mit dem an die Wand gemalten Schreckgespenst einer wirtschaftlichen Stagnation zu erpressen (
Köhler, Otto: Die Geschichte einer bürgerlichen Vereinigung; I.G. Farben. In:
KONKRET Nr. 9/1982 EXTRA).
[
463] dieser Preis wird vergeben für "besondere oder noch zu erwartende kulturelle Leistungen"