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7. Die I.G. Farben und ihre Nachfolger bis heute

7.2 Neue Namen - alte Praktiken

7.2.1 Die Nachfolger auf dem Weg zu alter Größe

Bei der angesprochenen I.G. Farben-Kontinuität im personellen Bereich ist es natürlich alles andere als verwunderlich, wenn sich auch die sonstige Ausrichtung der I.G.-Nachfolger nicht wesentlich von derjenigen des alten I.G.-Konzerns unterschied und unterscheidet. Daraus wurde zu keiner Zeit ein Hehl gemacht. Bei der Ausgründung der Farbwerke Hoechst im Jahre 1953 beklagte deren Vorstandsvorsitzender Karl Winnacker die "Zerschlagung" des I.G. Farben-Konzerns als "Vernichtung des bedeutendsten Wirtschaftsunternehmens, das deutsche Wissenschaft und Technik und deutscher Unternehmungsgeist je aufgebaut hatte".[464] Dabei lag die Aufteilung der allzu sehr gewucherten I.G. in kleinere Einheiten durchaus im Interesse der Konzernherren: "Die alte I.G. hat ja auch organisatorische Mängel gehabt, die (...) in der zu starken Zentralisierung begründet waren. Es darf daran erinnert werden, dass schon vor Kriegsende Pläne im Schoße der I.G. selbst entwickelt wurden, die auf eine Aufspaltung und Dezentralisierung hinausgingen."[465] Darüber hinaus erwies sich die Entflechtung als ein gutes Mittel, alle Forderungen nach einer Sozialisierung der Grundstoffindustrien (Kohle, Stahl und Chemie) sehr einfach abzublocken.
Obwohl die von den Alliierten zunächst vorgegebene Aufteilung in zwölf rechtlich selbständige Unternehmen nicht in jeder Hinsicht den Bedürfnissen der I.G.-Nachfolger entsprach, war die Neuaufteilung der Märkte unter die neuen alten 'Großen Drei' danach nur noch eine Frage der Zeit. Im Inland brauchte es nur wenige Jahre bis Bayer, BASF und Hoechst durch Firmenaufkäufe und Beteiligungen wieder ihre alte Monopolstellung erreicht hatten. Hatten die zehn größten Chemieunternehmen im Jahre 1954 einen Anteil von 37,5% am inländischen Gesamtchemieumsatz, so waren es knapp zwanzig Jahre später schon über 90%, wovon 60 bis 70% auf die I.G. Farben-Nachfolger entfielen.[466]
Zur Sicherung der Monopolstellung zählt natürlich auch der Zugriff auf die Ausgangsstoffe der Produktion. Daher erwarb z.B. die BASF 1968 den gesamten Wintershall-Konzern (Aktienkapital der Wintershall AG: 176 Millionen DM, Konzernumsatz knapp 2 Milliarden DM) mit zahlreichen Tochtergesellschaften im In- und Ausland, darunter die Burbach-Kaliwerke AG, die Guano-Werke AG, die Kali-Bank AG, Siegle & Co. GmbH, sowie die Kast & Ehinger GmbH; ferner sind die Erdöl-Raffinerie Mannheim GmbH, die Kali und Salz AG sowie die Salzdetfurth AG als Wintershall-Beteiligungsunternehmen zu erwähnen. Damit wurde nicht nur die Versorgung der BASF mit Rohöl, Erdgas, Petrochemikalien und Salzen gesichert, sondern auch der Hauptkonkurrent auf dem Gebiet der Stickstoff-Düngemittel ins eigene Lager gebracht.[467] Beispielhaft zeigte sich eine Auswirkung derartiger Monopolpolitik in der ehemaligen DDR, wo die inzwischen 100%ige BASF-Tochter Kali und Salz AG zur Sicherung ihrer marktbeherrschenden Stellung die Kali-Grube in Bischofferode zum Jahresende 1993 stilllegen ließ. Wie so oft konnten sich die Monopolisten auch in diesem Fall auf die entsprechende Unterstützung aus dem Bereich der Politik verlassen, denn selbst nach Bekanntwerden der Stilllegungspläne wurde der Verkauf des ehemals volkseigenen Unternehmens an die Kali und Salz AG von Seiten der Treuhand zu keiner Zeit in Frage gestellt.
Bei alledem sind die Claims unter den 'Großen Drei' fein säuberlich gegeneinander abgesteckt - getreu nach dem Duisbergschen Postulat der 'idealen Konkurrenz' (vgl. Kap.1) gibt es nur so viel Wettbewerb, dass der Anreiz zur Innovation erhalten bleibt, die Profite jedoch davon unangetastet bleiben. Nach einer 1970 abgewickelten "Flurbereinigung" auf dem Binnenmarkt, bei der die wichtigsten gemeinsamen Tochtergesellschaften untereinander aufgeteilt wurden, ließ der damalige Hoechst-Vorstandsvorsitzende Sammet verlauten: "Die Verwaltung von Hoechst und auch jene von Bayer und BASF sind über das nunmehr gefundene Arrangement glücklich und zufrieden. (...) Wir sind fern von jeglichem Umsatzneid unter den drei großen I.G.-Nachfolgern."[468]

7.2.2 Das Wesen und Handeln multinationaler Konzerne

Die bisherigen Betrachtungen über die Aufteilung von Macht und Marktanteilen wären jedoch unvollständig, wenn sie sich nur auf den Inlandsmarkt konzentrieren würden. Der Drang nach Expansion und Weltmarktkontrolle war beileibe nicht nur ein Kennzeichen der "alten" I.G. Was deren Vorstandsmitglied Max Ilgner 1936 nach einer Lateinamerikareise formulierte, wird auch heute noch von den Multinationalen als Credo der gelenkten Entwicklung hergebetet: "Selbstverständlich muß vom Gesichtspunkt der hochindustrialisierten Länder" das "Sicheinschalten in den Industrialisierungsprozess" der drei Kontinente "Mittel zum Zweck und nicht Selbstzweck sein. Nur wo diese Entwicklung aus vernünftigen Gründen nicht aufgehalten werden kann, sollte man sich einschalten." Später holte Ilgner noch etwas weiter aus: Die Entwicklungsprozesse in Afrika, Asien und Lateinamerika sollten so umdirigiert werden, dass es möglich werde, ihre Ressourcen kontinuierlich in Gestalt von Devisen zugunsten der laufenden Technologieschübe in den Metropolen[469] zu mobilisieren. Zum anderen sollten sich die Metropolen gezielt "in die industrielle Entwicklung der Welt" einschalten, um diese Ressourcenplünderung mit einer entgegengesetzten Exportpolitik zugunsten der eigenen technisch hoch entwickelt Produkte zu verknüpfen. Denn zuallererst gehe es immer darum, "den eigenen Export zu untermauern und sich an der geschaffenen oder zu schaffenden Kaufkraft einen entsprechenden Anteil zu sichern".[470] Eine solche Vorgehensweise hatte die übrigen kapitalistischen Wirtschaftszentren schon früher nicht gestört (wie die auch zu Kriegszeiten fast reibungslose Zusammenarbeit amerikanischer Unternehmen mit dem I.G.-Konzern belegt), also gab es auch für die I.G.-Nachfolger diesbezüglich keine Hindernisse. Zu Beginn der 50er Jahre gab der BDI (in dem 1950 das ehemalige I.G. Farben-Vorstandsmitglied W.R. Mann zum Vorsitzenden des Außenhandelsausschusses gewählt wurde) die entsprechenden Losungen aus: "Export um jeden Preis" und "Rückgewinnung der nordamerikanischen Märkte"[471], so hießen die offiziellen Parolen.
Ob nun Bayer, BASF oder Hoechst - jedes dieser drei Unternehmen verfügt inzwischen über eine unüberschaubare Vielzahl an Tochterunternehmen und Beteiligungen verteilt über den gesamten Globus. Die Gründe dafür liegen auf der Hand. Es geht immer um die "Eroberung" und "Verteidigung" von Märkten, um die Maximierung des Verhältnisses der Gewinne zu den Produktionskosten und damit nicht zuletzt um Macht.
Gerade im Hinblick auf den zuletzt angesprochenen Aspekt ist es beeindruckend, die Umsätze multinationaler Konzerne (d.h. den Wert aller in einem Jahr verkauften Waren und Dienstleistungen) mit dem Bruttoinlandsprodukt von Staaten (d.h. dem Wert aller im Inland produzierten Waren und Dienstleistungen) zu vergleichen: 1990 lagen die BASF (28,8 Mrd. US-$), Hoechst (27,7 Mrd. US-$) und Bayer (25,7 Mrd. US-$) an den Positionen 68, 71 und 72 einer derartigen Rangliste und damit im Bereich von Staaten wie Ungarn (28,0 Mrd. US-$), Irland (27,8 Mrd. US-$) und Peru (25,6 Mrd. US-$). Zusammengenommen klettern die drei I.G.-Nachfolger mit 82,2 Mrd. US-$ sogar auf Platz 27 zwischen Indonesien (83,2 Mrd. US-$) und Argentinien (89,4 Mrd. US-$).[472]
Größen wie Bruttoinlandsprodukt bzw. Konzernumsatz stellen letztlich nichts anderes dar als Indikatoren für wirtschaftliche Macht. Daraus wird deutlich, dass eine große Zahl von Staaten sich Interessenkollisionen mit den Multis nicht leisten kann. Von Seiten der Konzerne wird solchen Konflikten darüber hinaus auch dadurch vorgebeugt, dass sie sich der Unterstützung der nationalen Eliten versichern. Leidtragende solcher Entwicklungen sind - wie immer - die Menschen vor Ort. Sie leiden unter der Umweltvergiftung, die von den Fabriken der Multis ausgeht, wo immer wieder selbst absolut unzureichende Standards und Grenzwerte noch missachtet werden. So hat z.B. Bayer do Brasil laut Aussagen der brasilianischen Umweltkontrollbehörde bis vor wenigen Jahren drei Tonnen Chrom pro Tag in den Sarapui-Fluss (...) "entsorgt". Bis heute hält Bayer die vorgeschriebenen Grenzwerte für Chrom (Cr+VI ist krebserregend) nicht ein. Einer Untersuchung zufolge wurden auch die Richtwerte für vier weitere Stoffe (Phenol, Ammoniak, Schmierstoffe und Öle, Kupfer) nicht eingehalten. Für die Höchstmenge der Chromeinleitung in den Fluss wurde 1990 eine erneute Fristverlängerung von einem Jahr gewährt.[473] In den Ländern des Trikont[474] werden Pestizide und Pharmaka angewendet, die in den "entwickelten" Staaten seit langem verboten sind. So wurde z.B. Nicaragua aufgrund seiner laxen Umweltschutzgesetzgebung in den frühen 1950er Jahren zu einem Experimentierfeld für Pestizidversuche. (...) Bayer testete dort in der Umgebung von León Methylparathion, den Abkömmling eines Nervengases, das von den Nazis während des II. Weltkriegs entwickelt worden war. Mehr als 6 Millionen Kilogramm dieser tödlichen Chemikalie wurden allein 1951 ausgebracht, was zu Dutzenden von Todesfällen und Hunderten von Erkrankungen bei nicaraguanischen Feldarbeitern und ihren Familien führte. Im darauf folgenden Jahr verbot das Landwirtschaftsministerium die Anwendung von Methylparathion. Jedoch wurde dieses Verbot schon 1954 unter dem Druck der Baumwollbarone, die die Effektivität von Methylparathion gegen den Rüsselkäfer und andere Baumwollschädlinge herausstellten, von Diktator Somoza wieder zurückgenommen.[475] In den Fabriken selbst arbeiten die Menschen zu Niedrigstlöhnen, häufig genug ohne hinreichende Arbeitsschutzmaßnahmen[476] und ihre gewerkschaftliche Interessenvertretung wird immer wieder massiv behindert.[477] Auf einen kurzen (wenn auch vielleicht zynischen) Nenner gebracht: Die gleichen Faktoren, die 1941 das Projekt 'Buna-Werk Auschwitz' für den I.G. Farben-Konzern interessant gemacht hatten, finden Hoechst, Bayer und BASF heute in den so genannten Entwicklungsländern - inklusive der Absatzmärkte für ihre Produkte.
Diese Absatzmärkte verteidigen die multinationalen Konzerne mit allen Mitteln. Gegen Versuche von Ländern wie Brasilien, die den Aufbau einer eigenen Düngemittelindustrie anstrebten, hatten sich die europäischen Düngemittelerzeuger mit Genehmigung der Regierungen(!) zu zwei Exportkartellen zusammengeschlossen und sich verpflichtet "... in den Geschäften außerhalb Europas nur gemeinsam aufzutreten, gemeinsam in einen großen Topf hineinzuwirtschaften und die beim Düngemittelexport anfallenden Gewinne entsprechend der Beteiligung der einzelnen Gesellschaften aufzuteilen."[478] Die Überschüsse des BASF-Kartells wurden zwischen 1968 und 1971 zu Billigstpreisen auf den brasilianischen Markt geworfen, die einheimischen Fabriken mussten daraufhin stillgelegt werden, und 1974 stellte das Kieler Institut für Weltwirtschaft in einer Untersuchung fest: "Durchweg überdurchschnittliche und zudem noch steigende Preise mußten die Entwicklungsländer Afrikas und Lateinamerikas für den deutschen Stickstoffdünger bezahlen."[479]


Brief der chilenischen Hoechst-Filiale an die Muttergesellschaft in Deutschland aus Anlass des Pinochet-Putsches 1973.
(Schreiber, Peter Wolfram: I.G. Farben, die unschuldigen Kriegsplaner; Profit aus Krisen, Kriegen und KZ's; Geschichte eines deutschen Monopols – Verlag Neuer Weg: Stuttgart 1978; ISBN 3-88021-085-3; S.211.)
Wenn es aber in einem dieser Länder dazu kommen sollte, dass die kollaborierenden Führungseliten abgelöst werden durch Regierungen, die das Wohl der eigenen Bevölkerung nicht mehr vernachlässigen wollen, dann wissen die Multis auch darauf zu reagieren: "Der so lang erwartete Eingriff der Militärs hat endlich stattgefunden", so schrieb die chilenische Hoechst-Vertretung am 17. September 1973, sechs Tage nachdem General Pinochet mit Unterstützung der CIA gegen die demokratisch gewählte Regierung geputscht und Staatspräsident Allende ermordet hatte, an die Frankfurter Zentrale. "(...) Am 13.9. abends stand bereits fest, dass der Staatsstreich mit relativ geringen Verlusten an Material und Menschenleben - wir schätzen 2-3000 Tote - gelungen war. (...) Wir sind der Ansicht, dass das Vorgehen des Militärs und der Polizei nicht intelligenter geplant und koordiniert werden konnte und dass es sich um eine Aktion handelte, die bis ins letzte Detail vorbereitet war und glänzend ausgeführt wurde. (...) Wir sind überzeugt davon, dass sich Chile unter einer energischen, autoritären und intelligenten, nicht von Politikern, die nur ihren Parteiinteressen dienen, beeinflußten Führung sehr bald erholen wird. (...) Chile gehört heute zu den wenigen Ländern der Erde, die gegen den marxistischen Virus geimpft sind, und die daher für längere Zeit eine politische Stabilität erwarten lassen. (...) Chile wird in Zukunft ein für Hoechster Produkte zunehmend interessanter Markt sein. (...) Die Regierung Allende hat das Ende gefunden, das sie verdiente. (...)"[480]

7.2.3 Mensch, Gesundheit, Umwelt - und wie Chemie- und Pharmaindustrie damit umgehen

Gegen solche Vorgänge nimmt sich das, was in den Metropolen selbst geschieht, vergleichsweise harmlos aus. Und doch sind die Grundzüge des Handelns hier wie dort die gleichen. So war und ist eine stereotype Reaktion auf Umweltauflagen die Drohung, Arbeitsplätze abzubauen und die Produktion in "chemiefreundlichere" Regionen zu verlagern. (Die Entdeckung des Umweltschutzes als Argument in der Werbung steht dazu nicht unbedingt im Widerspruch, und sie ist auch eher jüngeren Datums.)
Die Unterordnung von Menschen unter den Profit tritt gleichfalls immer wieder zutage. Genannt seien hier z.B. die AnwenderInnen PCP-haltiger Holzschutzmittel, die teilweise schwere Gesundheitsschäden davongetragen haben. Schon 1966 erschien in einer Hauszeitschrift der DESOWAG (bis 1986 ein Tochterunternehmen von Bayer und Solvay, seit 1986 eine 100%ige Solvay-Tochter) ein Hinweis zu Holzschutzmitteln: "gesundheitsschädliche Substanzen, die bei ihrer Anwendung zu Erkrankungen der Benutzer führen könnten". 1969 wurde einer Witwe vom OLG Koblenz Schadensersatz und Schmerzensgeld zugesprochen, weil ihre beiden Kinder nach Anwendung von DESOWAG-Holzschutzmitteln schwere Haut- und Schleimhautschäden erlitten hatten. Bei einer DESOWAG-Besprechung am 22.03.1977 stellte ein leitender Mitarbeiter fest: Messungen in einem Modellraum mit Xyladecor hätten Werte ergeben, die geeignet waren, bei "empfindlichen Menschen sogar Gesundheitsschäden hervorzurufen". Trotz alledem konnte 1980 auf einer Gesellschafterversammlung der DESOWAG zufrieden konstatiert werden: "Inzwischen sind auch die letzten PCP-haltigen Waren verkauft. Es brauchten keine Mengen vernichtet zu werden." (Wobei diese Aussage nur für das Inland zutraf, denn noch 1984 wurde von der DESOWAG PCP-haltiges Xyladecor nach Indonesien verkauft.) Die durch die bestimmungsgemäße (!) Anwendung von Holzschutzmitteln Geschädigten dagegen benötigten seit ihrer ersten Strafanzeige 1984 acht Jahre, diverse Gutachten und eine gehörige Portion Stehvermögen, bis ihnen endlich die Verurteilung zweier DESOWAG-Manager nach einem aufreibenden Gerichtsverfahren den Weg zu Entschädigungszahlungen eröffnete(die jedoch immer noch Fall für Fall in Zivilprozessen erkämpft werden müssen).[481]
Markante Beispiele finden sich auch im Pharmabereich. Am 9. September 1973 schrieb Dr. Weuta von Bayer Leverkusen in einem Brief an Bayer Österreich über das neu einzuführende Antibiotikum Resistopen: "Wir schlagen vor, dass Sie Kliniken auswählen, die Ihnen nicht nur für die Prüfung sondern auch geschäftlich später wichtig erscheinen." Und am 14. April 1975 wurde die folgende Aktennotiz von Leverkusen nach Wien geschickt: "Dr. Rosanelli wurde gemeinsam mit Dr. Jackwerth am 8.4. gesprochen. Er hat ca. 100 Frühgeburten mit Resistopen behandelt. Davon sind aber nur 30 auswertbar, weil die restlichen 70 infolge ihrer extremen Lebensschwäche kurz nach Einleitung der Resistopen-Anwendung ad exitum kamen. R. übergab die 30 Fragebogen, die wir aufarbeiten werden, um dann vorzuschlagen, ob die Studie in dieser Form weitergeführt werden soll - z.B. Aufstockung auf 50 Fälle - oder ob sie für eine publizistische Auswertung ausreicht."[482] Die normale Sterblichkeitsrate von Frühgeburten betrug 1979 in Österreich 13,3%, doch bei diesem Versuch wurde selbst eine fünffach erhöhte Sterblichkeit von 70% in Kauf genommen. Der qualitative Unterschied zu den Menschenversuchen der I.G. Farben in Auschwitz und Buchenwald (vgl. den in Kapitel 4.3.3. zitierten Briefwechsel zwischen Bayer Leverkusen und dem KZ Auschwitz) erscheint vor diesem Hintergrund nicht mehr besonders groß.

Über die heutige chemische Großindustrie und ihre Praktiken ließe sich mit Leichtigkeit noch eine Vielzahl von Seiten füllen.[483] Einer von vielen Bereichen, die bisher noch nicht angesprochen wurden, ist die Gentechnik. Von ihr versprechen sich die Chemiekonzerne ein gigantisches Profitpotential - z.B. bei billigen gentechnischen Produktionsverfahren für Pharmaka oder bei gentechnisch manipulierten Nutzpflanzen, die gleich im Paket mit den entsprechenden Düngern und Pestiziden verkauft werden sollen. Auch die Problematik der Chlorchemie wurde in diesem Kapitel nicht erwähnt, genauso wenig wie die Verwicklung der Chemieindustrie in Krieg und Rüstung. Wer aufmerksam die täglichen Nachrichten verfolgt, wird sicherlich noch manche anderen wichtigen Aspekte entdecken.
Den Anspruch auf "Vollständigkeit" kann dieses Teilkapitel also nicht erheben und will es auch nicht. Wer jedoch ein weitergehendes Informationsbedürfnis hat, sei auf die Literaturliste verwiesen, in der mehrere Bücher aufgelistet sind, die sich etwas eingehender mit der gesamten Materie oder einzelnen Teilaspekten auseinandersetzen.

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[464] Köhler, Otto: Die Geschichte einer bürgerlichen Vereinigung; I.G. Farben. In: KONKRET Nr. 9/1982 EXTRA.
[465] Fritz Reuther, ehemaliges Aufsichtsratsmitglied der I.G. Farben. zitiert nach Räuschel, Jürgen: Die BASF; Zur Anatomie eines multinationalen Konzerns. Köln : Pahl-Rugenstein, 1975 – ISBN 3-7609-0153-0; S.21.
[466] Schreiber, Peter Wolfram: I.G. Farben, die unschuldigen Kriegsplaner; Profit aus Krisen, Kriegen und KZ's; Geschichte eines deutschen Monopols. Verlag Neuer Weg: Stuttgart 1978; ISBN 3-88021-085-3; S.176.
[467] Räuschel, Jürgen: Die BASF; Zur Anatomie eines multinationalen Konzerns. Köln : Pahl-Rugenstein, 1975 – ISBN 3-7609-0153-0; S.176.
[468] Handelsblatt, 09.01.70. zitiert nach: Schreiber, Peter Wolfram: I.G. Farben, die unschuldigen Kriegsplaner; Profit aus Krisen, Kriegen und KZ's; Geschichte eines deutschen Monopols. Verlag Neuer Weg: Stuttgart 1978; ISBN 3-88021-085-3; S.176.
[469] die nördlichen Industriestaaten als Zentren der Weltwirtschaft.
[470] O.M.G.U.S.: Ermittlungen gegen die I.G. Farben – Hrsg. Hans Magnus Enzensberger; Verlag Franz Greno, Nördlingen 1986 (Sonderband der Anderen Bibliothek); ISBN 3-891-900-198; S.359. (aus der Einleitung des deutschen Bearbeiters zu Anhang C "'Neuordnungs'- und Nachkriegsplanung", die eine umfassende und sehr informative Darstellung und Bewertung der Weltherrschaftspläne der I.G. Farben bietet)
[471]Schreiber, Peter Wolfram: I.G. Farben, die unschuldigen Kriegsplaner; Profit aus Krisen, Kriegen und KZ's; Geschichte eines deutschen Monopols. Verlag Neuer Weg: Stuttgart 1978; ISBN 3-88021-085-3; S.197.
[472] Blätter des iz3w: Die Macht der Konzerne. Nr. 177, Freiburg, November 1991.
[473] Beatrix Sassermann: Partei ergreifen für die Entrechteten. In: Stichwort... (Informationen der Coordination gegen BAYER-Gefahren e.V.) Nr.5/6, (1990).
[474] die drei Kontinente Afrika, Asien, Lateinamerika.
[475] Faber, Daniel: A Sea of Poison. In: Special Issue of "Report on the Americas" Vol.XXV, No.2, September (1991) "The Conquest of Nature, 1492-1992"; S.32ff (übersetzt aus dem Englischen).
[476] Der Artikel "Atemnot bei der BIFA in Istanbul" von Henry Mathews in "Stichwort BAYER" (Informationen der Coordination gegen BAYER-Gefahren e.V.) Nr.3, 1990 beschreibt die Zustände in dem türkischen Tochterunternehmen von Bayer, Schering und Knoll wie folgt: "Bei der Herstellung des Präparats tritt Atemnot auf, ein Gefühl als würde der ganze Körper anschwellen, Appetitlosigkeit, die bis zum Abend anhält, Müdigkeit und Benommenheit. (...) Die (...) Beschwerden treten bei der Produktion der OCTINUM-Tropfen auf, die vom Hersteller KNOLL in der Bundesrepublik schon seit vielen Jahren nicht mehr vertrieben werden. (...) Obwohl der OCTINUM-Wirkstoff ISOMETHEPTEN eine der am wenigsten untersuchten Wirksubstanzen dieser Gruppe ist, sind von ihm Nebenwirkungen wie Angstzustände, Unruhe, Erbrechen, Kopfschmerzen und Schlaflosigkeit bekannt. Das Auftreten eben solcher Effekte bei den Beschäftigten der BIFA ist Beleg für die unzureichenden Schutzmaßnahmen."
vgl. auch Coordination gegen BAYER-Gefahren e.V. (Hrsg.): "Chrom am Kap - Gift und Tod für BAYER-Arbeiter in Südafrika". Hier wird ausführlich dokumentiert, wie die Arbeitsbedingungen in der südafrikanischen Bayer-Tochter Chrome Chemicals (CC) die Gesundheit vieler schwarzer Arbeiter zerstörten. Aus den dort aufgelisteten Informationen kann zudem der Schluss gezogen werden, "dass die Krankenstation bei der CC (...) einzig und allein als Frühwarnsystem für die Firma fungierte. Sobald ein Arbeiter ernstlich erkrankt war (damit ist im wahrsten Sinne des Wortes todkrank gemeint), konnte dies vom Unternehmen rechtzeitig bemerkt, der Arbeiter entlassen und in sein weit entferntes Zuhause geschickt werden."
[477] vgl. Coordination gegen BAYER-Gefahren e.V. (Hrsg.): Repression statt Lohn - Knast und Rausschmiss für unliebsame Gewerkschafter bei Bayer do Brasil. Düsseldorf 1990. [478]von der BASF auf einem Hearing des Deutschen Bundestages 1974 zu Protokoll gegeben, zitiert nach Schreiber, Peter Wolfram: I.G. Farben, die unschuldigen Kriegsplaner; Profit aus Krisen, Kriegen und KZ's; Geschichte eines deutschen Monopols. Verlag Neuer Weg: Stuttgart 1978; ISBN 3-88021-085-3; S.202.
[479] Schreiber, Peter Wolfram: I.G. Farben, die unschuldigen Kriegsplaner; Profit aus Krisen, Kriegen und KZ's; Geschichte eines deutschen Monopols. Verlag Neuer Weg: Stuttgart 1978; ISBN 3-88021-085-3; S.202.
[480] Schreiber, Peter Wolfram: I.G. Farben, die unschuldigen Kriegsplaner; Profit aus Krisen, Kriegen und KZ's; Geschichte eines deutschen Monopols. Verlag Neuer Weg: Stuttgart 1978; ISBN 3-88021-085-3; S.211ff.
[481] Grüber, Katrin: Gerechtigkeit für Chemikaliengeschädigte. In: WECHSELWIRKUNG Nr. 56, August (1992); S.34ff.
[482] beide Schreiben zitiert nach: Köhler, Otto: Die Geschichte einer bürgerlichen Vereinigung; I.G. Farben. In: KONKRET Nr. 9/1982 EXTRA.
[483] Coordination gegen BAYER-Gefahren e.V. (Hrsg.): BAYER Macht Kasse; Berichte über die Geschäfte des BAYER-Konzerns. Stuttgart : Schmetterling Verlag (1991) – ISBN 3-926369-41-8.