Nach dem Ende des zweiten Weltkrieges konnte sich die I.G. Farben AG mit Hilfe hochrangiger, teils bei den Kriegsverbrecherprozessen glimpflich davongekommenen Persönlichkeiten (so u.a. Hermann Josef Abs, Walter Leisler Kiep und Ludwig Erhardt) weitgehend vor der Zerschlagung respektive Sozialisierung drücken. Neben den großen Chemiekonzernen wurde eine Liquidationsgesellschaft, die I.G. Farbenindustrie AG in Auflösung, gegründet. Zweck dieser AG war es, sich um die Rückübertragung der Liegenschaften zu bemühen, die ehemaligen SklavenarbeiterInnen zu entschädigen, die GläubigerInnen zu bedienen und anschließend das verbleibende Vermögen unter den AnteilseignerInnen aufzuteilen.
Die verschleppte Liquidation
Seit Mitte der 80er Jahre wurde der Protest immer massiver und die Forderung nach einer sofortigen Auflösung der I.G. Farben i.A. immer lauter, nachdem der Vorstand dieser AG, die so genannten Liquidatoren, die Auflösung der AG über Jahrzehnte verschleppt hatten. Sie hatten auf die Rückerstattung der Liegenschaften in der ehemaligen DDR und in Gebieten, welche nach dem zweiten Weltkrieg in Polen und die ehemalige Tschechoslowakei eingegliedert wurden, spekuliert sowie darauf, dass sich „das Zwangsarbeiterproblem biologisch erledigen“ werde. Die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes / Bund der AntifaschistInnen (VNN/BdA), das Auschwitz-Komitee und später auch die Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre sowie die Coordination gegen Bayergefahren und andere Gruppierungen machten mit Aktionen und Demonstrationen zuerst vor und schließlich in der alljährlichen Aktionärsversamlung auf das fortgesetzte Unrecht aufmerksam.
Wiederkehrende Proteste bei den Aktionärsversammlungen
Mit der Erlangung von Anteilsscheinen und der Übertragung von Stimmrechten erhielten die Betroffenen Rederecht vor den versammelten AktionärInnen, wobei ihnen stets eine breite Palette von Emotionen, die von Unverständnis bis hin zu offenem Hass reichten, entgegenschlug. Regelmäßig wurden die RednerInnen mit Gewalt aus der Versammlung entfernt. Sie prangerten die Verbrechen der I.G. Farben AG während der Nazidiktatur öffentlich an und forderten die sofortige Auflösung der Abwicklungsgesellschaft, um das Vermögen an die überlebenden Opfer und deren Angehörige auszuzahlen. Demonstrationen und Protestaktionen, die vor den Tagungsgebäuden stattfanden, wurden mehr als einmal gewaltsam aufgelöst. Als in einem Jahr bekannte Rechtsradikale auftraten und vor der Versammlung die Entschädigung von „Zwangsarbeitern und Juden“ für überflüssig erklärten, wurde ihnen das Rederecht nicht entzogen, sondern sie sogar mit Zustimmung bedacht.
Erste Erfolge des Protestes zeichneten sich ab, als es für die VeranstalterInnen immer schwieriger wurde, geeignete Tagungsräumlichkeiten in Frankfurt am Main zu finden, da die AnbieterInnen um ihren Ruf fürchteten. Trotzdem gelang es den Liquidatoren, die Gesellschaft bis ins Jahr 2003 am Leben zu erhalten. Möglicherweise spekulierten die Verantwortlichen und die AnteilseignerInnen auf eine Freigabe des in der Schweiz eingefrorenen Vermögens der I.G. Farben und die Rückgabe der Liegenschaften in Polen und Tschechien nach deren Aufnahme in die EU, was die Ausschüttungen beträchtlich hätte steigern können. 2000 wurde unter dem Eindruck der massiven Proteste eine Stiftung mit der geringen Einlage von 500.000 DM gegründet, um die ehemaligen SklavenarbeiterInnen zu entschädigen. Eine Zahlung an die Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft zur Entschädigung von NS-ZwangsarbeiterInnen wurde mit Hinweis auf die eigene Stiftung verweigert.
Die Insolvenz: Fast 60 Jahre nach Kriegsende
Im Jahr 2004 meldete die I.G. Farben i.A. schließlich ihre Zahlungsunfähigkeit. Mehr als ein halbes Jahrhundert hatten die Verantwortlichen der Liquidationsgesellschaft mit dem blutigen Geld spekuliert, schlecht laufende Immobiliengeschäfte betrieben und das Geld damit längst in andere Taschen gespült. Aus dem Restvermögen wird die Insolvenzverwalterin aller Voraussicht nach Schulden bei verschiedenen Banken begleichen. In einem offenen Brief haben Überlebende gefordert, wenigstens das letzte Geld an die ehemaligen ZwangsarbeiterInnen auszuschütten. Doch aller Voraussicht nach werden diese leer ausgehen.
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