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Nachwort

Diese Ausstellung und diese Broschüre sollen mehr sein als eine bloße Aneinanderreihung von geschichtlichen Daten, Fakten und Hintergründen. Sie sollen vor allem auch zum Nachdenken und zu einer kritischen Betrachtung über die heutige Gesellschaft und aktuelle (Chemie-) Geschichte auf mehreren Ebenen anregen. Denn vieles von dem, was 'damals' geschehen ist und 'so schrecklich war' ist nicht nur ein Teil der Vergangenheit, sondern geschieht nach wie vor - auch heute noch.

Der erste und naheliegendste Punkt liegt in der individuellen Ebene und betrifft die viel zitierte 'Verantwortung von NaturwissenschaftlerInnen'. Hier ist jedeR gefordert, jetzt und in Zukunft immer wieder selbstkritisch zu prüfen, ob das eigene Handeln und Forschen moralisch vertretbar ist und nicht von anderen missbraucht wird. Hierbei nimmt allerdings der Ausdruck "Missbrauch" in vielen Fällen schon den Freispruch des/der TäterIn vorweg, was wohl nicht immer so einfach erlaubt sein darf. Denn wer z.B. Sprengstoffe und Giftgase erforscht oder herstellt, muss sich der damit verbundenen möglichen Tötung von Menschen bewusst sein und kann nicht nur im Nachhinein sich seiner Verantwortung entziehend von "Missbrauch" reden.

Jedoch darf eine Überbetonung dieser individuellen Schuldfrage nicht dazu benutzt werden, gesellschaftliche, politische oder firmeninterne Hintergründe und Machtstrukturen nicht mehr zu hinterfragen. Denn dies zeigt, dass es im allgemeinen nicht gerechtfertigt ist, die Verantwortung allen Beteiligten zu gleichen Teilen anzulasten. Zum einen gibt es lohnabhängige ArbeiterInnen, die nur die Wahl zwischen überhaupt einer Arbeit und der Not der Arbeitslosigkeit und die keine Mitbestimmungsmöglichkeiten über die Art und Verwendung der Produkte ihrer Arbeit haben. Zum anderen gibt es in jedem Unternehmen Menschen, die die nötige Macht und das Hintergrundwissen haben, um sehr wohl darüber informiert zu sein, wer ihre Produkte kauft und wozu sie verwendet werden.[510] Und daher tragen letztere die Verantwortung für einen menschenvernichtenden Einsatz dieser Produkte (z. B. Chemikalien als Sprengstoffe, Zyklon B, Entlaubungsmittel Agent Orange, Chemische Kampfstoffe, ...).
Solche Menschen trafen und treffen die Entscheidungen, die dazu führen, bestimmte Projekte zu entwickeln und durchzusetzen. Und diese Entscheidungen fallen in einem kapitalistischem Wirtschaftssystem ja nicht nur aus 'bösem Willen' der Firmenleitungen - sie können sogar zu ihrer Verteidigung in Anspruch nehmen, so handeln zu müssen, um wirtschaftlich überleben zu können. Ein Privatunternehmen hat unter diesen Bedingungen prinzipiell nur zwei Interessen: die Vergrößerung seiner Macht und seines Geldes. Ein moralischer Anspruch ist nirgendwo vorgeschrieben.

Man/Frau muss schon beide Augen fest geschlossen halten, um nicht zu sehen, dass auch heute noch mit Rüstungsgeschäften riesige Gewinne zu machen sind. Denn schließlich wird zu deren Bezahlung auch ein ganzer Staatshaushalt herangezogen. So lassen sich dann auch spielend mehrstellige Millionenbeträge als Einnahmen für Rüstungsvorhaben erzielen.[511] Nicht ganz zufällig hat sich z.B. der größte deutsche Automobilkonzern Daimler-Benz zum größten deutschen Rüstungskonzern gewandelt. Und ein ursprünglich kleiner Seitentrieb der Rüstungsforschung, nämlich die so genannte 'zivile' Atomforschung, ermöglichte später den daran beteiligten Firmen (z.B. Siemens, AEG, ...) ebenfalls große Gewinne.
Das Gesamtbild von Absprachen, Verquickungen und Ämterhäufungen, wie es sich in der Geschichte der I.G. Farben darbietet, würde sich nicht wesentlich ändern, wenn man/ jene Namen mit ein wenig Phantasie gegen aktuellere Namen der deutschen Wirtschaft und Politik austauschen würde. Für einen fließenden Übergang sorgte in der Vergangenheit allein schon die Kontinuität von Personen der deutschen Politik und Wirtschaft, die im Jahre 1945 nur für kurze Zeit unterbrochen worden war. Es seien hier beispielhaft lediglich die Namen ter Meer (ehemals I.G. Farben-Vorstandsmitglied und verurteilter Kriegsverbrecher - später Aufsichtsratsvorsitzender von BAYER), Flick (ehemals finanzstarker Parteispender der Nazis - später reichster Mann der BRD und Parteispender in Bonn) oder Filbinger (ehemals SS-Marine-Richter - später Ministerpräsident von Baden-Württemberg) genannt.
Geschäfte mit Staat und Politik haben also nicht nur 'damals' die I.G. Farben zu großem Reichtum geführt - ähnliches ist vielmehr auch heute noch möglich.

All dies zeigt deutlich, dass es sehr gefährlich werden kann, wenn eine Gesellschaft riesige Geldmittel für Rüstungs- oder andere Großprojekte (z.B. Atomforschung, Weltraumforschung, Chipforschung) zur Verfügung stellt. Es scheint - unabhängig von Zeit und Personen - einem kapitalistischem Wirtschaftssystem immanent zu sein, dass sich zwangsläufig eine intensive personelle und inhaltliche Verquickung zwischen Politik, Industrie, und Hochfinanz[512] mit dem Ziel der individuellen Kapitalmaximierung herausbildet.

Wenn sich aber diese Geschichte nicht in einer ihrer verschiedenen Modifikationen wiederholen soll, dann erfordert dies von uns allen offene Augen und Weitblick bezüglich des eigenen Handelns und vor allem den Willen, die politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen aktiv mitzugestalten. Jeder Versuch, einen Lebensbereich losgelöst von den Wechselwirkungen mit den übrigen Bereichen zu behandeln (z.B. die viel zitierte 'Wissenschaft im Elfenbeinturm'), ist zum Scheitern verurteilt - und allzu oft dürfen wir uns ein solches Scheitern nicht mehr erlauben.

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[510] vgl. zum Beispiel die Unterzeichnung des Benzinpaktes, Carl Krauch in seiner Rolle als 'Munitionsdiktator', die Habersche Giftgasforschung, ... in den vorangegangenen Kapiteln.
[511] zum Vergleich die Rüstungsausgaben des Jahres 1990: BRD - 78.000 Mio.DM; UdSSR - 472.000 Mio.DM; USA - 483.000 Mio.DM.
[512] vgl. die O.M.G.U.S.-Berichte über die Deutsche Bank und die Dresdner Bank, in denen - analog zum I.G. Farben-Bericht - die Verwicklung dieser beiden Großbanken in NS-Regime und Krieg dokumentiert wird.